Vorhang, der vierte: Horizont

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[Ein Schreibtisch. Darauf verstreut Bücher, Notizen, Stifte, Ladekabel, ein Kaffeebecher. Eine junge Frau sitzt auf der Kante eines Stuhls, hinter ihr und über der Rückenlehne stapeln sich Kleidungsstücke, sie sieht auf den Bildschirm.]

Ich starre schon eine ganze Weile auf dieses Wort. „Horizont“. Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie sehr ich Menschen mag, die meinen Horizont erweitern, indem sie mir von Dingen erzählen, die sie interessieren und in denen sie richtig gut sind. Ich bin wie ein Schwamm, ich sauge alles auf, weil mich alles interessiert. Leider vergesse ich viel davon, wie ein trocknender Schwamm, der sein Wasser verliert, aber etwas behalte ich dann doch. Man könnte mich auch Königin des gefährlichen Halbwissens nennen. Aber was ich an diesen Menschen am meisten schätze ist, dass sie mich teilhaben lassen, an ihrer Weltsicht und meine dadurch verändern: Sie nehmen mich ein Stück mit, zeigen mir ihren Weg und schon verschiebt sich der Horizont. Etwas in der Richtung wollte ich euch eigentlich erzählen.

Aber jetzt kann ich einfach nicht mehr aufhören dieses Wort anzustarren. Ist euch mal aufgefallen, wie hässlich dieses Wort aussieht?

H o r i z o n t

Eigentlich mag ich Wörter, die nur aus niedrigen Buchstaben bestehen und von zwei hohen gerahmt werden. Da das H aber ein breiter und das t ein schmaler Buchstabe ist, sieht das unglaublich seltsam aus. Und die beiden kleinen o, die nicht symmetrisch platziert sind, genau wie das nicht mittige i, machen es leider nicht besser. Tja, und weil mich die Tatsache, dass ich dieses Wort ziemlich hässlich finde, so sehr ablenkt, kann ich euch gerade nicht davon erzählen, wie sehr ich es liebe, wenn Meer und Himmel  aufeinander treffen, wenn ein Schiff langsam am Horizont verschwindet und wenn Menschen meine Sicht auf die Welt verändern.

Mythos DM-Fach

Was im DM-Fach passiert, bleibt im DM-Fach!

Schön und gut, ich mache heute jedoch eine Ausnahme. Keine Sorge, ich werde keine Namen nennen. Aber mir reichts. Ich weiß nicht, ob es euch genau so geht, wie mir, aber ich bekomme immer wieder unaufgefordert Penis- und Nacktbilder geschickt. Ich glaube nicht, dass ich eine Person bin, die durch ihre Tweets darum bittet. Also was genau denken sich manche dabei?

Bei mir ist es mittlerweile so weit, dass ich zeitweise mehr anzügliche Nachrichten im Postfach habe, als normale Unterhaltungen. Manchmal freue ich mich, weil ich mich mit jemandem echt gut zu verstehen scheine und das Schreiben mit dieser Person einfach nur Spaß macht, nur um dann kurz darauf gefragt zu werden, was ich denn an habe. Liebe Männer (ich weiß nicht, ob die Frauen das auch so machen, in meinem DM-Fach waren es bis jetzt – oh Wunder- nur Männer), muss das denn sein? Seid ihr wirklich so verzweifelt? Mir ist klar, dass das manche einfach nur zum Spaß machen. Natürlich habe ich auch meine Erfahrungen mit Sexting und kenne den Reiz, den es haben kann. Aber es nervt. Ich habe keine Lust irgendwelche Penise zu sehen und auch auf eure Oberkörper kann ich gut und gerne verzichte.

Ich lerne Menschen gerne kennen. Ich finde es spannend herauszufinden, was eine Person ausmacht, wie sie denkt und wie sie etwas privater schreibt. Ich mag es die Vielschichtigkeit eines Menschen kennen zu lernen und vor allem mag ich an Twitter, dass man von Innen nach Außen vorgeht. Aber dieses Außen möchte ich doch nicht gleich nackt sehen.

Seelenverwandtschaft

Vor etwas mehr als einer Woche fiel dieses Wort in einem Gespräch und seit dem lässt es mich nicht los. Ich meinte, dass ich nicht an Seelenverwandtschaft glauben würde.

Aber warum?
Glaube ich vielleicht nicht an eine Seele?

Man sagt, wenn wir sterben, würde die Seele frei sein und sich einen Weg suchen. Wohin sie dieser Weg führ, weiß keiner. Aber es gibt Vermutungen und Wunschvorstellungen dazu. Manch einer denkt, dass die Seele in der Körper eines Neugeborenen zieht. Theoretisch ist das eine schöne Vorstellung. Denn wenn die Seele das ist, was einen geliebten Menschen ausmacht, würde dieser nie aus unserer Welt verschwinden. Gleichzeitig würde das bedeuten, dass in unseren Körpern Seelen leben würde, die schon Jahrtausende alt sind. Das hieße doch eigentlich, dass wir schon alles wissen müssten und vor allem, dass unsere Welt ein Spielplatz für eine Handvoll Seelen ist, die sich den menschlichen Körper zu eigen machen. Und was passiert, wenn sich so eine Seele verirrt? Sagen wir mal, sie verwechselt ein menschliches Neugeborenes mit einem Tier. Oder die Seele eines Tieres würde sich einen Menschenkörper suchen (das würde vielleicht das animalische Verhalten mancher von uns erklären).

In diesem Sinn glaube ich nicht an eine Seele.
Ich glaube daran, dass Menschen Charakter haben. Dass es verschiedene Eigenschaften, Erfahrungen und Erlebnisse gibt, die diesen Charakter beeinflussen, formen und weiterentwickeln. Und vor allem glaube ich, dass sich Charaktere immer weiter entwickeln, dass es sich hierbei um keine Konstante handelt.
Wenn ich meine Vorstellung eines Charakters auf das Konstrukt Seelenverwandtschaft übertrage, würde das bedeuten, dass sich zwei Menschen konsequent gleich oder sehr ähnlich weiter entwickeln. Das glaube ich, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Denn genau das, was uns weiterentwickeln lässt, macht uns zu einem Individuum.

„Du bist mein Seelenverwandter.“

Es klingt unglaublich romantisch und so perfekt. Aber zugleich hätte ich immer das Gefühl, in dieser Beziehung in einer festen Rolle gefangen zu sein. Es klingt so, als dürfte man keine eigene Meinung haben, sondern müsste immer mit dem anderen konform leben.

Ich glaube aber daran, dass es Menschen gibt, die sich finden und ihr Leben lang auch nicht mehr gehen lassen. Aber ich glaube, dass solche Beziehungen keineswegs auf der Annahme beruhen, dass man für einander bestimmt ist, sondern viel eher auf der Bereitschaft auf den anderen einzugehen. Ich glaube und hoffe, dass es für jeden einen Menschen gibt, der einem gut tut, der zu einem passt und mit dem zusammen man kleine und große Diskrepanzen überwinden kann, an dem man sich festhalten und den man loslassen kann, und sich vor allem an einander und miteinander freuen kann. Ich glaube an die eine Person, mit der man Hand in Hand durchs Leben gehen kann, auch wenn man mal steht, in unterschiedliche Richtungen blickt, oder ein paar Schritte von einander entfernt ist. Aber ich glaube nicht an eine Seelenverwandtschaft.

Ich kann nicht mehr, aber ich muss

Seit Monaten denke ich mir, dass ich nicht mehr kann. Aber ich habe immer weiter gemacht. Ich habe mir alles von jedem angehört, habe geholfen, bin in den letzten Monaten zusammen fast zehntausend Kilometer gefahren, um immer zu richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und habe es meistens doch nicht geschafft. Aber zerreisen kann ich mich leider nicht. Ich kümmer mich um meine Freunde, meine Familie, meine Oma, erfülle jeden Wunsch, springe im Laden ein, lebe in zwei Städten, studiere, lese und lerne dafür, schreibe Karten, sammle Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten, um anderen eine Freunde zu machen, gehe feiern, weil es von mir erwartet wird, freue mich für Freunde über ihre Beziehung, lass mir von ihrem Liebeskummer erzählen, finde mich vor einem Spiegel, mit dem einzigen Wunsch wieder etwas Kontrolle zu gewinnen und mich zu übergeben, ich mache es nicht, ich gehe in die Bib, schreibe Bewerbungen und kann mich aus Sachen, die mich nichts angehen, einfach nicht raushalten, weswegen ich warme Kleidung für Obdachlose sammle, fast jedem, dem ich begegne einen Tee oder Kaffee besorgen, und letztens wegen einer Anzeige zwei Stunden bei der Polizei verbrachte, und damit ich das Gefühle habe zu leben und noch etwas zu machen, was ich wirklich möchte, treffe ich mich noch mit Twitterern. Es sind so viele Eindrücke, so viele Gedanken und ich kann das nicht mehr verarbeiten.

Ich kann nicht mehr.

Ich stehe vor meiner Bachelorarbeit, habe ein Thema, das mir wirklich gefällt und das mich interessiert. Es dreht sich um Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ und ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Zugang zum Thema Zweiter Weltkrieg gefunden. Wie ein Schwamm sauge ich jede kleine Information auf, entferne mich immer mehr vom Roman und kann aber nicht damit aufhören, weil es mich so unendlich tief trifft. Und die Bachelorarbeit und eine Hausarbeit rücken immer weiter in den Hintergrund. Ich sehe keinen Anfang und kein Ende. Ich weiß nicht, mit welchem Buch ich anfangen soll, sehe keine Struktur und bin auch nicht in der Lage mir eine zu schaffen. Ich bin nicht ordentlich, nicht akkurat und nicht sortiert. Ich hasse wissenschaftliches Arbeiten, weil ich immer wieder auf neue Dinge stoße, die mich interessieren und mich dann lieber damit beschäftige und weiter tragen lasse. Ich kann mich nicht konzentrieren und habe kein Durchhaltevermögen. Aber was ich habe ist Panik. Panik davor der Lage nicht mehr Herr zu werden. Die Prüfungen, die Hausarbeit oder die Bachelorarbeit nicht zu schaffen, meinen Erwartungen nicht stand zu halten und die meiner Eltern zu enttäuschen.

Mein Mantra zur Zeit ist: Nicht weinen. Bloß nicht weinen. Ich weiß genau, dass ich sobald ich anfange nicht mehr aufhören kann, dass ich dann in ein Loch falle aus dem ich nicht mehr herauskomme. Ich kann mir keine Pause nehmen, also innerlich. Ich kann nicht abschalten, ich kann den Stress nicht einfach vergessen, denn wenn ich einmal zur Ruhe komme, werde ich es nicht schaffen wieder weiter zu machen. Ich merke es daran, dass es mir immer schwerer fällt in die Uni zu gehen. Ich kann es einfach nicht und weiß nicht warum. Da hilft kein Überwinden und nichts. Ich komme mir vor wie einbetoniert. Starr, regungslos und bewegungsunfähig. Ich habe keine Routine und wenn ich eine hätte, würde ich sie nicht einhalten. Ich schaffe es nicht täglich meinen Adventskalender zu öffnen oder zweimal täglich das Asthmaspray zu nehmen. Ich bin nicht mehr ich und ich weiß nicht, wo ich mich verloren habe. Ich weiß nicht, bei wem ich mich verloren habe oder in welchem Buch. Ich weiß nicht, wo ich mich finden kann. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper nur noch von den Sorgen angetrieben wird. Sorgen um Freunde, um die Familie, um meine Zukunft und um meine Gesundheit.

Und dabei will ich nichts mehr als einfach Ruhe zu haben und nicht mehr können zu dürfen.

Generation Isolation

Liebe @delanji,

Ich weiß gar nicht, was ich noch dazu sagen soll. Du hast so recht!

Flaggenfetzen

In meiner TL ist Winter. Bei mir auch. Das zwingt zum denken. Und zum beobachten.
Beides will ich hier mal tun.

Wir sind eine Generation zwischen Isolation und bedingungsloser Solidarität. Wir denken an Heimat, und fast alle von uns merken, dass wir keine haben.

„Ich überlege seit längerem, was Heimat für mich ist, und glaube, dass ich mittlerweile nirgends mehr zuhause bin.“

— Welle Steak (@wellenart) 29. November 2014

Wir denken an Familien.
Wir stellen fest, dass es in unseren eigenen Leben oder in unseren Freundeskreisen kaum noch so ein auch nur annähernd funktionierendes Konstrukt gibt.

„Hier hat ein Mädchen Fotos ihrer Eltern im Portmonee. Ich habe ja keine Freunde, die gut mit ihren Eltern klar kommen.

— Püppi (@Staubprinzessin) 4. Dezember 2014

Wir sind Anfang, Mitte, Ende 20 und haben fast alle schon mindestens irgendeinen in unserem Bekanntenkreis durch Suizid verloren, oder kennen zu viele die das ganze…

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Vorhang, der dritte. Stichwort: Heimweh

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Ich hatte als Kind immer sehr großes Heimweh. In der dritten Klasse fuhren wir das erste Mal in ein Schullandheim und ich fand es schrecklich. Wir fuhren in eine alte Burg mitten im Wald, an sich perfekt für kleine Drittklässler. Wir taten oft so, als wären wir Ronja Räubertochter und machten das umliegende Gelände unsicher. Aber so richtig wohl fühlte ich mich nicht. Das Essen war komisch, es roch anders (Kennen Sie diesen typischen Geruch nach ekeligem Tee, Putzmittel und zu alten Möbeln, der jedem Schullandheim anhaftet? Bäh.) und wir mussten zu zehnt in einem Zimmer schlafen, das vergitterte Fenster hatte. Ich kam mir vor wie ihm Gefängnis. Ich mochte nicht, dass man die Dusche nicht absperren konnte, dass die Toiletten am anderen Ende der Burg waren und wir nie unsere Privatsphäre hatten. Bei mir im Zimmer fingen dann einige an sich zu übergeben und so hatte ich das Glück, dass ich mit einer anderen Mitschülerin umziehen durfte. Aber so ganz bin ich dieses Gefühl nicht losgeworden. Ein Gefühl, als ob sich Taue um das das Herz legen und es einengen. Ein Schmerz und eine Verzweiflung, eine Aussichtslosigkeit, die sich vor allem durch einen dicken Kloß im Hals bemerkbar machen, der sich einfach nicht runterschlucken lässt. Ich hatte dieses Gefühl jahrelang, wenn ich von zuhause weg war. Es kam in der dritten Klasse und blieb bis weit in die Pubertät. Ich hatte es aber auch, wenn meine Eltern dabei waren. In einem Urlaub in Ungarn konnte ich die erste Nacht nicht schlafen und musste immer weinen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Und dieses Gefühl verstehe ich bis heute nicht. Ich nehme an, dass sich meine Angst vor dem Unbekannten irgendwann mit dem Heimweh vermischt hat und ich nicht mehr in der Lage war, diese beiden Empfindungen zu trennen.

Mittlerweile habe ich kein Heimweh mehr. Ich glaube, dass es vor allem daran liegt, dass ich nicht mehr weiß, wo mein Zuhause ist. Ich lebe in zwei Städten, habe zwei Freundeskreise, habe eigentlich zwei Orte, an denen ich mich wohl fühle. Als meine Heimat würde ich meinen Geburtsort bezeichnen, aber Heimweh habe ich danach nicht mehr. Ich bin dort nicht mehr zuhause. Ich komme dort nicht mehr an. Für mich ist es nur noch ein Zwischenstopp auf dem Weg in die andere Stadt und diese ist wiederum nur eine kurze Etappe, bis es wieder in die erste Stadt geht. Ein paar Monate lang lebte ich in drei Städten, das machte das ganze noch komplizierter, weil ich morgens einfach nicht mehr wusste, wo ich bin. Die Betten standen in jedem Zimmer anders, so dass ich des Öfteren beim Aufstehen gegen die Wand lief. Aber ich schweife ein bisschen ab, wie immer, Entschuldigung. Was mir aber richtig fehlt sind die Menschen. Wenn ich sie länger nicht sehe, vermisse ich sie so sehr, dass es mir weh tut. Und mittlerweile fühlt sich die Umarmung meines besten Freundes an wie Ankommen. Er gibt mir die Sicherheit und die Geborgenheit, die mir kein Ort mehr geben kann. Er ist mein Zuhause, meine Heimat. Er ist der, den ich vermisse, nach dem ich Sehnsucht habe und Heimweh.

Vorhang, der Zweite. Stichwort: Das Internet und seine Auswirkungen auf euer Leben.

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Zu dem Thema habe ich so viele Gedanken und doch nichts zu sagen. Vielleicht, weil ich mir nicht eingestehen möchte, wie groß die Auswirkungen des Internets auf mein Leben wirklich sind.

Ich bin damit groß geworden. Mit diesem World Wide Web. Am Anfang hatte ich noch etwas Angst davor, man bekam ja immer Horrorgeschichten davon erzählt. Ich weiß noch, dass wir in der 6. Klasse für Musik ein Referat über ABBA machen mussten und zum ersten Mal im Internet recherchiert haben. Mühsam haben wir uns die ganzen Informationen stundenlang per Hand rausgeschrieben, weil wir nicht wussten, dass man sich das auch ganz einfach ausdrucken konnte. Ich durfte anfangs fast nie an den Computer von meinem Vater. Das war der einzige PC mit Internet bei uns im Haus und meine Tür in die virtuelle Welt wurde sehr streng bewacht. Im Nachhinein bin ich darüber ganz froh, denn so kam ich „erst“ mit 13 in Berührung mit MSN, ICQ, pafnet und pbu. (Pafnet und pbu sind bei uns in der Region die Vorläufer von facebook gewesen.)

Ich weiß nicht, ob ich jemals verliebt war ohne die Möglichkeit zu haben, im Internet alles über die Person herauszufinden. Eigentlich finde ich das wahnsinnig schade. Mit meiner besten Freundin verbrachte ich ganze Nachmittage damit, gemeinsam mit unserem Schwarm zu chatten und bei jeder Antwort nervös kichernd zu hyperventilieren. Und ganz schlimm war, dass wir sofort eifersüchtig wurden, wenn wir bemerkten, dass er das Profil einer anderen besucht hatte -oder noch schlimmer- ihr ins Gästebuch geschrieben hatte.

Irgendwie hat sich dieses Social Media immer weiter hochgeschaukelt und heute sitze ich hier mit einem Facebook-Profil, mit Twitter, mit instagram und mit einem Blog. Nicht nur, dass ich nicht richtig lernte in einer Bibliothek zu recherchieren (Okay, Google!), in Kochbüchern zu stöbern oder einen Nachmittag einfach nur mit Shoppen zu verbringen (darüber bin ich wirklich NICHT traurig), ich glaube, dass ich auch viel im Kennenlernen von Menschen nicht lernte. Ich gab und gebe schon immer sehr viel auf die Worte von Menschen. Ich bin in einer Welt groß geworden, in der man eigentlich nicht mehr Vielen glauben kann und trotzdem tue ich es immer wieder. Ich bin schon sehr oft auf die Schnauze geflogen. Von Stalkern bis hin zu rachsüchtigen Möchtegernlovern, die wüste Lügen in die virtuelle Welt streuten, war schon alles dabei (auch und vor allem dank Twitter).

Aber ich habe auch schon sehr viele gute Erfahrungen gemacht. Ich habe über Twitter ein paar Menschen kennengelernt, die mein Leben ziemlich bereichern, die einfach da sind, obwohl sie einen nicht kennen und wirklich und ehrlich Anteil haben wollen, an dem, was einem passiert. Bei einem von ihnen ist es etwas anders. Ich sagte ja vorher, dass ich schon immer die Möglichkeit hatte, innerhalb von ein paar Minuten alles über einen Menschen herauszufinden. Bei dieser einen Person ist das nicht so. Wir folgten uns auf Twitter und trafen uns sehr schnell auf einen Kaffee, von da ab war das alles eher ein persönliches Kennenlernen. Ich weiß nichts über diese Person, was sie mir nicht selbst gesagt hat und ich finde das zur Abwechslung sehr spannend und auch echt angenehm.

Also liebes Internet, du gibst mir sehr viel. Du gibst mir die Möglichkeit kurz etwas „nachzuschlagen“, das ich innerhalb von drei Minuten wieder vergessen kann, du schenkst mir Zeit, die ich nicht in den Warteschlangen vor irgendwelchen Kassen verschwende, sondern so viel sinnvoller (haha, von wegen, ich lande doch immer wieder auf Twitter) nutzen kann, du hast mich sehr schnell erwachsen werden lassen und es doch nie geschafft mir den kindlichen Glauben auszutreiben und vor allem, liebes Internet, sind die wenigen Momente ohne dich sehr besonders.

Vorhang, der Erste. Stichwort: UNGERECHTIGKEIT

Ein Gymnasium in Bayern, eine Abiturientin, eine Geschichtsprüfung.

[Auftritt Abiturientin.]

Ich habe in Geschichte meine mündliche Abiturprüfung gemacht. Meine Lehrerin ging mitten in der Kollegstufe in den Mutterschutz und so bekamen wir einen recht jungen Lehrer. Dieser kannte sich nicht wirklich mit dem G9 aus und man merkte, dass er auch keine Lust hatte, sich einzuarbeiten. Warum auch? Es war ja eh der letzte Jahrgang. Eine Freundin von mir und ich, wir waren die Einzigen, die bei ihm die mündliche Prüfung machen wollten. Er half uns nicht. Während die Prüflinge in Biologie Extraunterricht bekamen und der Mathelehrer mit seinen Schützlingen bis 22:00 Uhr übte, waren wir komplett auf uns gestellt. Wir bekamen keine Texte, keine Tipps, keine Einschränkungen, nichts. Ich bin ein Last-Minute-Mensch. Ich klopfte mir drei Tage lang den Stoff von zwei Schuljahren ins Hirn. Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft.

Wir hatten 30 Minuten Zeit, um uns auf unser Thema vorzubereiten, mussten dann 10-15 Minuten darüber referieren und bekamen danach noch Fragen gestellt. Mein Thema war die Machtergreifung Hitlers. Ich glaube, das war das beste Thema, das ich mir wünschen konnte, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas auswendig gelernt hatte und so jede Jahreszahl wusste. Ich schrieb mir auf einem Blatt alle Daten runter, listete sie ordentlich auf, markierte mir bestimme Punkte, die ich genauer ausführen wollte, und las mir dann die Texte durch, die auch noch zur Prüfung gehörten. Ich war nicht sonderlich aufgeregt. Ich stellte mich vor meine beiden Lehrer, atmete einmal durch und fing an alles zu erzählen, was ich wusste. Ich war gut. Ich kann eigentlich schlecht vor Menschen reden und Geschichte war auch nie eines meiner Lieblingsfächer, aber an dem Tag war ich wirklich gut. Ein paar Tage später bekam ich mein Abiturzeugnis und sah, dass hinter Geschichte 12 Punkte gedruckt waren. Ich freute mich sehr –  ich war immer zu faul zum Lernen und hatte selten gute Noten, 12 Punkte waren echt außergewöhnlich für mich.

So weit, so gut. Wo ist die Ungerechtigkeit?

Bei uns an der Schule ist es Tradition, dass der untere Jahrgang an der Abiturfeier der 13. Klasse kellnerte und sich um die Bar kümmerte. Bei meiner Abiturfeier traf also G8 auf G9. Als ich mir was zu trinken holte, redete ich kurz mit einer Freundin aus der 12. Klasse. Sie würde auch bei meinem Geschichtslehrer die mündliche Prüfung machen und erzählte mir, wie toll er sie doch vorbereiten würden. Als sie dann sagte, dass er ihnen meine Notizen aus der Abiturprüfung gezeigt und gemeint hätte, dass man es besser nicht machen könnte und das 14 Punkte gewesen wären, brach irgendetwas ganz tief in mir drinnen. Nicht nur, dass er den G8 Jahrgang vorbereitete und uns alleine stehen gelassen hatte, nein, er nahm auch noch meine (eigentlich doch vertraulichen?) Notizen aus meiner Abiturprüfung, auf denen er meinen Namen stehen gelassen hatte, um ihnen zu helfen. Dass der G8- Jahrgang für die exakt gleiche Prüfung 2 Punkte mehr bekommen hätte, realisierte ich in dem Moment gar nicht. Uns war eh klar, dass das neue Konzept und der erste Abiturjahrgang richtig gut sein mussten. Aber ich glaube vielen von uns war nicht klar, dass das auf unsere Kosten passieren würde. Und dabei habe ich noch nicht einmal erwähnt, dass das Abitur des G8- Jahrgangs nachträglich noch einmal korrigiert wurde und die Noten hochgestuft wurden.

[Die Abiturientin geht in den Zuschauerraum ab.]

 

Fettleibigkeit – Hungerbauch.

Ballerspiele – Kindersoldat.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin mir sehr bewusst, dass es auf dieser Welt viel Schlimmeres gibt. Ich profitiere sehr davon, in einem Land geboren zu sein, das wirtschaftlich gut da steht. Ich hungere nicht, ich muss mir keine Sorgen um mein Überleben machen, mir geht es gut. Ich glaube nicht, dass ich in der Position bin, über die Ungerechtigkeit (im Sinne von Chancenungleichheit, die Schere zwischen arm und reich oder die Tatsache, dass uns Menschen auf die unterschiedlichsten Arten genommen werden) zu schreiben, weil ich mich in einer guten Situation befinde. Genauso wenig möchte ich versuchen eine Definition für Ungerechtigkeit zu liefern, denn seien wir mal ehrlich, googlen kann jeder und da Ungerechtigkeit subjektiv wahrgenommen wird, kann es auch nicht nur eine allgemeingültige geben. Ich versuche dieses Projekt (http://fahnefluechtig.wordpress.com/) zu nutzen und mir Gedanken über mein Leben zu machen. Man kann mir jetzt vorwerfen, dass ich nicht über den Tellerrand schauen möchte, aber so ist es nicht. Ich möchte nur versuchen, meine eigene Sicht zu erklären und mich von den anderen Beiträgen ein bisschen zu unterscheiden, und das klappt nun mal am Besten, wenn ich über etwas persönliches schreibe.

Nicht ohne meinen Hut

Mein Opa war ein sehr strenger Mann. Besonders zu mir war er immer sehr hart. Ich konnte mir lange nicht erklären warum. Ich dachte, dass es wohl daran liegen würde, dass ich als einzige von uns Mädchen nicht blond wäre und auch kein braves Kind, sondern sehr dickköpfig, eigensinnig und wild. Als meine kleineren Cousins groß genug waren, um für das ein oder andere Chaos mit verantwortlich zu sein, bekam nicht mehr ich den Ärger ab, sondern der Jüngste. Mittlerweile glaube ich, dass es nichts mit der Haarfarbe, sondern mit unserem Äußeren zu tun hat.
Mein jüngster Cousin sieht mir sehr ähnlich. Wenn man sich Kinderbilder meines Opas ansieht und die meines Cousins daneben legt, fällt es sehr schwer zu sagen, um wen es sich handelt. Letztens habe ich dann zum ersten Mal bewusst ein Foto von meiner Uroma gesehen, also von der Mutter meines Opas. Auf dem Foto wird sie wohl schon um die 70 Jahre alt gewesen sein, aber trotzdem kam es mir vor als ob ich in einen Spiegel schauen würde. Sie hatte die gleichen Augen, eine ähnliche Nase und die gleiche Mimik. Auf dem Bild lächelt sie leicht und ihre Augen funkelten so spöttisch, wie ich es von meinem Opa kenne, und so fragte ich meine Oma, ob sie denn oft gelacht hätte. Meine Oma wollte wohl nichts böses über ihre Schwiegermutter sagen, aber ihr Blick und das „sie war eine graisliche Frau“ verriet doch genug.
Mittlerweile glaube ich, dass mein Opa in mir (und meinem kleinen Cousin) sich entdeckte. Vielleicht auch seine Mutter, aber auf jeden Fall seine Gene, und deswegen so streng zu uns war. Ich weiß nicht, ob er nur unser Bestes wollte und uns deswegen forderte oder ob er den Anblick nicht ertragen konnte und er eher unterbewusst „bäis“ war. Auch wenn ich oft weinte und mich ungerecht behandelt fühlte, mochte ich meinen Opa sehr.

Nachdem er starb fing meine Oma an den Kleiderschrank aufzuräumen und seine Sachen an die Männer in der Familie zu verteilen. Sie erwähnte ein paar mal die Hüte und dass die keiner der Männer haben wollte. Ich bat sie sehr oft, mir die Hüte zu zeigen, aber sie wollte es nicht. „Die passen da ned und des san Mannerhiat.“ Das mir das egal war, war ihr egal. Und so schmiss sie die meisten Hüte weg. Heute holte ich sie auf dem Weg zum Friedhof ab. Weil sie noch nicht fertig war, stand ich in der Sonne und wartete. Ich hatte meinen bordeaux-farbenen Filzhut auf. Anscheinend hatte sie mich vom Fenster aus gesehen, denn als sie herunter kam, meinte sie, dass sie für einen kurzen Moment dachte, da würde die Novna stehen. (Ich muss mal genauer nachfragen, woher „Novna“ kommt, ich dachte immer es sei tschechisch für Oma, aber meiner Recherchen haben eben keinen Sinn ergeben.) Als wir nach dem Friedhof beim Kaffeetrinken saßen, fragte ich meine Oma also nochmal nach den Hüten. Sie meinte, dass sie noch drei hätte und brachte sie mir. Und oh Wunder, alle passten. Ich habe halt doch den gleichen Dickkopf wie mein Opa. Ich musste mit meinem Onkel sprechen, ob er sie nicht habe wolle (HALLO?! ER HÄTTE ZWEI JAHRE LANG ZEIT GEHABT!) und durfte sie dann haben (SONST HÄTTE ES AUCH ÄRGER GEGEBEN!).
Als ich ging, meinte sie, dass ich die Hüte auf keinen Fall verschenken durfte. Manchmal frage ich mich wirklich.. ich kämpfe doch nicht Jahre lang um etwas, das ich dann sofort verschenke. Ich glaub, sie weiß gar nicht wie viel mir diese Hüte bedeuten. Ich kann momentan nicht einmal richtig tippen, weil ich alles nur verschwommen sehe, weil meine Tränen nicht mehr aufhören wollen zu fließen.

Eins der ersten Fotos, dass es von mir und meinem Opa gibt und wahrscheinlich das erste, an dass ich mich erinnern kann, zeigt meinen Opa bei uns auf der Kachelofenbank sitzen und mich auf seinem Schoß, nur sieht man nicht viel von mir, weil auf meinem Kopf sein Hut thront.

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