„Willst du mich kennenlernen?“

Mich schreiben Menschen an, deren Accounts ich gar nicht oder kaum kenne. Durch ihre Accounts kann man meistens nichts über sie erfahren, weil sie nicht selbst schreiben, sondern viel retweeten, nur Replies schreiben oder Sportaccounts sind. Das ist an sich überhaupt nicht schlimm. Nur was mich daran gewaltig stört, ist folgendes:

Ich werde nicht einfach so angeschrieben, um sich mit mir zu einem bestimmten Thema zu unterhalten oder um ein bisschen zu quatschen. Nein. Die aller erste Frage ist eine der folgenden: „Gehst du mit mir aus?“ „Bitte triff dich mit mir?“ „Willst du mich kennenlernen?“ (Es gibt auch noch einige aus der Kategorie „Darf ich meine Hosen vor dir runterziehen?“, aber diese möchte ich hier nicht thematisieren.) Ich bin – ja, das sage ich jetzt einfach mal von mir selbst – nett. Deswegen antworte ich auf die meisten Fragen höflich und hoffentlich auch bestimmt. Kommt es dann soweit, dass sich ein Gespräch entwickelt, ist das meistens sogar ganz nett. Aber was ich viel öfter erlebe ist, dass sich die Fragensteller wundern, dass man viel mit seinen Followern teilt, aber kein Interesse hat, es persönlich mit ihnen zu tun. Ich weiß nicht, woher das kommt.

Natürlich twittere ich sehr persönlich, natürlich zeige ich viel von mir. Mein Twitteraccount ist ein bisschen wie mein Tagebuch, mein persönliches Ventil, das mir antwortet, mir Mut macht, mich zum Lachen und manchmal auch zu Verzweiflung bringt. Mein Twitteraccount entspricht mir. Dennoch bin ich, die Person, die hinter diesem Account steht, viel mehr. Ich zeige nicht alle meine Facetten. Sehr, sehr viel behalte ich für mich. Zum einen sind das sehr private Dinge und zum anderen sind es die Sachen, die mich am meisten beschäftigen und mit denen ich persönlich am meisten kämpfe. Ich twittere sehr oft darüber, dass ich in keiner Beziehung bin. Das ist mir bewusst. In meinem Freundeskreis heiraten zur Zeit sehr viele und bekommen Kinder. Ich werde ständig mit Dingen wie Familienplanung und Zukunft konfrontiert und weiß selbst immer noch nicht genau, was ich möchte. Ich liebe den Moment und lebe sehr gerne darin – setzte ich mich dann doch mal mit der Zukunft auseinander, dann findet das auch auf Twitter statt. Denn meine Tweets sind nicht mehr als eine Momentaufnahme. Wenn ich also schreibe, dass ich single bin, oder mir Gedanken über das Verhalten von Männern und Frauen mache, dann heißt das nicht automatisch, dass ich mich jeden Tag in den Schlaf weine und unbedingt einen Mann brauche. Ich bin mir selbst genug – mit Einschränkungen wie ich zugeben muss. Ich kann auch ohne eine feste Beziehung Sex haben und muss es nicht gleich breittreten. Ich kann mich auch heimlich verlieben, ohne es öffentlich zu machen.

Was ich damit sagen möchte: Tweets sind eine Momentaufnahme. Sie fangen die Gedanken in einem bestimmten Augenblick ein und sind nicht mehr als ein Foto eines einzelnen Baums in einem Wald.

Deswegen teile ich viel öffentlich. Ich teile auch gerne Fotos, weil manche Augenblicke ruhig noch etwas länger bleiben und nachhallen können. Das heißt aber nicht automatisch, dass ich jedem meiner Follower persönlich im DM-Fach von meinem Tag, meinen Wünschen und Ängsten, meinem Innersten erzählen möchte. Ich schätze die Distanz. Sie wiegt mich in Sicherheit. Ich habe schon sehr viel auf Twitter erlebt und möchte mich schützen. Natürlich kann es sein, dass du im Einzelfall mit deiner Nachricht gar nicht vor hattest, mir etwas schlechtes zu tun. Aber auch du musst zugeben, dass es gruselig ist, wenn man von einer wildfremden Person nach einem Date gefragt wird, ohne Begrüßung und irgendwelche Vorkenntnisse. Und wenn diese Person dann im Laufe des Gesprächs das Thema immer mehr um Sex kreisen lässt und versucht herauszufinden, auf was man so steht. HALLO?! PRIVATSPHÄRE! Es sind noch so viel mehr Situationen gewesen, in denen ich mir dachte, dass das jetzt echt creepy ist, die ich schon gar nicht mehr fassen kann. Vielleicht bin ich zum ersten Mal dankbar, in einer so schnelllebigen Welt zu leben, weil so etwas eben auch fix aus den Gedanken verschwindet. Ich höre auf mein Bauchgefühl. Wenn mir bei einer Sache nicht wohl ist, dann mache ich sie nicht. Ich versuche das dem Gegenüber auch zu sagen und möchte mich dann nicht ewig dafür rechtfertigen müssen.

„Ich möchte das nicht, du machst mir Angst.“
„Du kannst mir vertrauen.“

Wieso sollte ich das? Ich kenne dich nicht. Alles, was ich von dir kenne, ist dieses Gefühl, dass du in mir auslöst. Vielleicht bin ich zu nett. Ich sollte einfach blocken und gut ist. Ich weiß aber, dass am anderen Ende auch nur ein Mensch sitzt und weil ich erstmal an das Gute glaube, denke ich, dass er das nicht absichtlich macht. Aber irgendwann ist auch wirklich genug.

Bitte, bitte verwechselt meinen Account nicht mit einem Tinderprofil. Ich möchte nicht von wildfremden Menschen auf Blinddates eingeladen werden, ich möchte auf diesem Weg auch nicht zu ONS kommen. Es ist nun mal Twitter. Ich bin dort, weil ich Menschen mag (verrückt, ich weiß) und spannend finde, weil mich Kommunikation interessiert. Natürlich haben sich über Replies und DMs auch schon Freundschaften gebildet, ja, ich gebe auch zu, dass ich auch Sex mit Twitterern hatte, aber das hat sich so entwickelt, weil ich die Personen kennen und schätzen gelernt habe.

Lerne ich jemanden in einer Bar kennen, fange ich auch mit einem „Hallo!“ an und nicht mit einem „Sex?“. Und sind wir mal ehrlich… Eigentlich ist Twitter doch nichts anderes als eine virtuelle Bar.

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