Zu dick. Zu dünn. HALT DIE FRESSE!

Folgenden Text habe ich 2014 zum ersten Mal veröffentlicht. Leider hat er immer noch nicht an Aktualität verloren und daher habe ich mich entschlossen, ihn auch auf diesem Blog zu veröffentlichen.

„Die Deutschen werden immer fetter.“ „Schluss mit dem Magerwahn!“ Bikinibridge. Thigh Gap.
Ich kann es nicht mehr hören. Wie bescheuert und oberflächlich sind wir denn eigentlich, dass wir uns von unserem Spiegelbild beherrschen lassen? Zu Sklaven unseres Körpers (oder besser: eines Schönheitsideals) werden und noch schlimmer, andere Menschen nach ihrem BMI beurteilen? Denn wer zu dick ist, wird als faul und undiszipliniert dargestellt und wer zu dünn ist als schlichtweg krank. Krank. Genau das ist es manchmal. Unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen und gegenüber uns selbst. Und krankhaft wird die Sucht nach dem perfekten Körper sehr schnell.

Mit dreizehn Jahren nahm ich über die Weihnachtsferien zehn Kilogramm ab. Es passierte einfach und war eigentlich gar nicht beabsichtig, ich war viel Schlittschuhlaufen, hatte keinen Appetit, weil ich frisch verliebt war, und war im Wachstum. Als ich nach den Ferien wieder in die Schule kam, wurde ich mit großen Augen begrüßt und mit Beglückwünschungen. Beglückwünschungen zu meiner tollen Figur. MIT DREIZEHN! Ich bekomme immer noch das Kotzen (ehm- falsche Wortwahl, vielleicht besser eine Krise), wenn ich mich daran zurückerinnere. Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass ich durch den Verlust dieser zehn Kilogramm in das Untergewicht rutschte. Ich war zu der Zeit sportlich sehr aktiv und musste mir keine Sorgen um meinen Körper machen, ich war einfach glücklich und machte mir keine Gedanken um meinen Body Mass Index. Eigentlich sollte es genauso sein. Erst die Blicke der anderen ließen mich denken, dass ich vorher zu fett gewesen wäre und so kam es dazu, dass ich mich zum ersten Mal vor dem Spiegel stehend wiederfand und versuchte einen Blick auf meinen Hintern zu erhaschen. Und ich fand mich immer noch zu dick. Ich fing an meinen Körper zu hassen, ich hörte mit dem Tennis auf, weil ich dadurch „so breite“ Schultern bekommen hatte und find an mir den Finger in den Hals zu stecken, wenn ich wieder das Gefühl hatte, dass ich zu viel gegessen hatte. Im Sommer passierte dann etwas, was mich in meiner kleinen, heilen (?) Welt so sehr erschütterte, dass ich anfing mir über andere Dinge Gedanken zu machen und meinen Körper als unwichtig wahrzunehmen. Schließlich war mein Körper an dieser Sache schuld gewesen und somit verdiente er nicht mal mehr Hass, sondern keine Beachtung. Aber eigentlich ist das eine andere Geschichte.

Ich hatte und habe Probleme mit den Knien, erblich bedingt, konnte keinen Sport mehr machen, bekam die Pille, entdeckte Alkohol, wollte nicht mehr mit dem Rad in die Schule fahren, aus Angst nach Schweiß zu riechen, vertrug die Pille nicht, wurde krank, bekam eine neue Pille, wurde immer öfter krank und immer schlimmer. Ich kapselte mich von meinen Freunden ab und wurde unglücklicher und fing immer häufiger an zu essen. Denn –und ich glaube, da stimmen Sie mir alle zu- Essen macht glücklich. Zumindest für einen kurzen Augenblick. Und dann, wenn man vor dem Spiegel steht und hasst was man sieht und weint und sich nur besser fühlen will, greift man wieder zu etwas zum Essen. Ein verdammter Teufelskreis, aus dem man auch keinen Ausweg sieht. Es ist traurig, dass man sich selbst nicht beherrschen kann und sich selbst nicht im Griff hat. Aber es gibt so unglaublich viele Faktoren und jeder Mensch reagiert anders. Eigentlich will ich gar nicht so viel darüber reden, da ich es selbst noch nicht so ganz verstehe.

Ich sehe nur wie ich jetzt bin. Wie sehr ich mein Spiegelbild hasse und mir oft die Kraft fehlt, mich an die Diäten zu halten. Weil ich die Kraft dafür brauche gegen eine Krankheit nach der anderen zu kämpfen und gegen die Blicke der Welt. Im Sommer ist es besonders schlimm. Es fängt damit an, dass man keine Shorts mehr tragen will, keine Kleider mehr ohne Strumpfhosen, keine Tops mehr, weil man dann die Arme sieht, wie alles an ihnen schlabbert und sie bei jeder Bewegung noch fünf Stunden nach schwabbeln. Es geht so weit, dass man am Liebsten nur noch Leggins tragen würde, weil einen jede andere Hose so sehr einengt, und diese aber nicht tragen kann, weil sich dann andere darüber lustig machen. Und schließlich trägt man fast nur noch schwarz und versucht mit seiner eigenen Masse in der unbekannten, grauen Masse des Alltags unterzutauchen.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der sich Menschen mit Kleidergröße 40 fett und unattraktiv finden. Ich könnte weinen, wenn ich die ganzen Hipster sehe und zusehen muss, wie sich Männer und Frauen immer weiter runterhungern, um die kürzesten Shorts tragen zu können. Ich verstehe es nicht, warum man als Frau keine Kurven mehr haben darf und als Mann keinen Bierbauch. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die wirklich zu dick sind. Aber glauben Sie nicht, dass diese Menschen schon genug mit sich kämpfen müssen? Weil sie ihrem Körper schaden und in dieser Gesellschaft keinen Platz finden? Können wir nicht offen auf solche Menschen zugehen und helfen? Sie integrieren und ihnen ein gutes Gefühl geben? Denn oft reicht schon eine Kleinigkeit, damit man sich besser fühlt und ich glaube, dass es kein Geheimnis ist, dass man mit positiven Gedanken viel mehr erreichen kann. Ich habe Angst vor der Zukunft. Und ich habe Hoffnung in sie. Die Hoffnung, dass die Mode Big Size Models integriert und uns zeigt, dass Schönheit nichts mit der Kleidungsgröße zu tun hat.

 

Und soll ich Ihnen sagen, wovor ich noch Angst habe? Ich habe Angst davor, dass der Arzt zu mir sagen wird, dass alles okay ist, dass meine Knie bereit sind, mich überall hinzutragen und dass ich wieder Sport machen darf. Ich habe Angst davor, weil ich jetzt schon weiß, welche Kraft es kosten wird, mich aufzuraffen, und dann, wenn ich es geschafft habe, habe ich Angst, dass ich in alte Muster verfalle, dass ich mich nicht über kleine Erfolge freuen kann und weiter, weiter und weiter renne bis ich mich wieder in der Idee Size Zero verrannt habe.

„Willst du mich kennenlernen?“

Mich schreiben Menschen an, deren Accounts ich gar nicht oder kaum kenne. Durch ihre Accounts kann man meistens nichts über sie erfahren, weil sie nicht selbst schreiben, sondern viel retweeten, nur Replies schreiben oder Sportaccounts sind. Das ist an sich überhaupt nicht schlimm. Nur was mich daran gewaltig stört, ist folgendes:

Ich werde nicht einfach so angeschrieben, um sich mit mir zu einem bestimmten Thema zu unterhalten oder um ein bisschen zu quatschen. Nein. Die aller erste Frage ist eine der folgenden: „Gehst du mit mir aus?“ „Bitte triff dich mit mir?“ „Willst du mich kennenlernen?“ (Es gibt auch noch einige aus der Kategorie „Darf ich meine Hosen vor dir runterziehen?“, aber diese möchte ich hier nicht thematisieren.) Ich bin – ja, das sage ich jetzt einfach mal von mir selbst – nett. Deswegen antworte ich auf die meisten Fragen höflich und hoffentlich auch bestimmt. Kommt es dann soweit, dass sich ein Gespräch entwickelt, ist das meistens sogar ganz nett. Aber was ich viel öfter erlebe ist, dass sich die Fragensteller wundern, dass man viel mit seinen Followern teilt, aber kein Interesse hat, es persönlich mit ihnen zu tun. Ich weiß nicht, woher das kommt.

Natürlich twittere ich sehr persönlich, natürlich zeige ich viel von mir. Mein Twitteraccount ist ein bisschen wie mein Tagebuch, mein persönliches Ventil, das mir antwortet, mir Mut macht, mich zum Lachen und manchmal auch zu Verzweiflung bringt. Mein Twitteraccount entspricht mir. Dennoch bin ich, die Person, die hinter diesem Account steht, viel mehr. Ich zeige nicht alle meine Facetten. Sehr, sehr viel behalte ich für mich. Zum einen sind das sehr private Dinge und zum anderen sind es die Sachen, die mich am meisten beschäftigen und mit denen ich persönlich am meisten kämpfe. Ich twittere sehr oft darüber, dass ich in keiner Beziehung bin. Das ist mir bewusst. In meinem Freundeskreis heiraten zur Zeit sehr viele und bekommen Kinder. Ich werde ständig mit Dingen wie Familienplanung und Zukunft konfrontiert und weiß selbst immer noch nicht genau, was ich möchte. Ich liebe den Moment und lebe sehr gerne darin – setzte ich mich dann doch mal mit der Zukunft auseinander, dann findet das auch auf Twitter statt. Denn meine Tweets sind nicht mehr als eine Momentaufnahme. Wenn ich also schreibe, dass ich single bin, oder mir Gedanken über das Verhalten von Männern und Frauen mache, dann heißt das nicht automatisch, dass ich mich jeden Tag in den Schlaf weine und unbedingt einen Mann brauche. Ich bin mir selbst genug – mit Einschränkungen wie ich zugeben muss. Ich kann auch ohne eine feste Beziehung Sex haben und muss es nicht gleich breittreten. Ich kann mich auch heimlich verlieben, ohne es öffentlich zu machen.

Was ich damit sagen möchte: Tweets sind eine Momentaufnahme. Sie fangen die Gedanken in einem bestimmten Augenblick ein und sind nicht mehr als ein Foto eines einzelnen Baums in einem Wald.

Deswegen teile ich viel öffentlich. Ich teile auch gerne Fotos, weil manche Augenblicke ruhig noch etwas länger bleiben und nachhallen können. Das heißt aber nicht automatisch, dass ich jedem meiner Follower persönlich im DM-Fach von meinem Tag, meinen Wünschen und Ängsten, meinem Innersten erzählen möchte. Ich schätze die Distanz. Sie wiegt mich in Sicherheit. Ich habe schon sehr viel auf Twitter erlebt und möchte mich schützen. Natürlich kann es sein, dass du im Einzelfall mit deiner Nachricht gar nicht vor hattest, mir etwas schlechtes zu tun. Aber auch du musst zugeben, dass es gruselig ist, wenn man von einer wildfremden Person nach einem Date gefragt wird, ohne Begrüßung und irgendwelche Vorkenntnisse. Und wenn diese Person dann im Laufe des Gesprächs das Thema immer mehr um Sex kreisen lässt und versucht herauszufinden, auf was man so steht. HALLO?! PRIVATSPHÄRE! Es sind noch so viel mehr Situationen gewesen, in denen ich mir dachte, dass das jetzt echt creepy ist, die ich schon gar nicht mehr fassen kann. Vielleicht bin ich zum ersten Mal dankbar, in einer so schnelllebigen Welt zu leben, weil so etwas eben auch fix aus den Gedanken verschwindet. Ich höre auf mein Bauchgefühl. Wenn mir bei einer Sache nicht wohl ist, dann mache ich sie nicht. Ich versuche das dem Gegenüber auch zu sagen und möchte mich dann nicht ewig dafür rechtfertigen müssen.

„Ich möchte das nicht, du machst mir Angst.“
„Du kannst mir vertrauen.“

Wieso sollte ich das? Ich kenne dich nicht. Alles, was ich von dir kenne, ist dieses Gefühl, dass du in mir auslöst. Vielleicht bin ich zu nett. Ich sollte einfach blocken und gut ist. Ich weiß aber, dass am anderen Ende auch nur ein Mensch sitzt und weil ich erstmal an das Gute glaube, denke ich, dass er das nicht absichtlich macht. Aber irgendwann ist auch wirklich genug.

Bitte, bitte verwechselt meinen Account nicht mit einem Tinderprofil. Ich möchte nicht von wildfremden Menschen auf Blinddates eingeladen werden, ich möchte auf diesem Weg auch nicht zu ONS kommen. Es ist nun mal Twitter. Ich bin dort, weil ich Menschen mag (verrückt, ich weiß) und spannend finde, weil mich Kommunikation interessiert. Natürlich haben sich über Replies und DMs auch schon Freundschaften gebildet, ja, ich gebe auch zu, dass ich auch Sex mit Twitterern hatte, aber das hat sich so entwickelt, weil ich die Personen kennen und schätzen gelernt habe.

Lerne ich jemanden in einer Bar kennen, fange ich auch mit einem „Hallo!“ an und nicht mit einem „Sex?“. Und sind wir mal ehrlich… Eigentlich ist Twitter doch nichts anderes als eine virtuelle Bar.