Verstehen lernen

Ich wollte heute nur Joghurt und Haferflocken kaufen. Stattdessen stand ich an der Kasse und blickte auf eine Packung Dickmänner, auf zwei Schachteln Kinderschokolade, auf Kekse, auf Spezi, auf Gummibärchen, auf eine Tüte Chips. Ich weiß, dass es dumm ist, das alles zu kaufen. Aber ich muss. Ich weiß nicht wieso, aber ich kann nicht anders. Seit ein paar Monaten rede ich ziemlich offen darüber. Der Satz „Ich habe eine Essstörung.“ kommt mir mittlerweile sehr leicht über die Lippen. Doch Gefühle sind damit nicht verbunden. Es ist eine Art Rechtfertigung. Aber kein Bekenntnis. Und verstanden habe ich es sowieso nicht. Ich habe gehungert und gefressen. Beide Extreme. Gekotzt habe ich selten. Das war mein letzter Ausweg. Ich korrigiere: Das ist mein letzter Ausweg. Wenn ich nicht mehr kann. Wenn nichts mehr geht. Wenn alles zu viel wird. Ich muss mir das eingestehen und es vor allem verstehen.

ICH. HABE. EINE. ESSSTÖRUNG.

Wenn ich mit Freunden zum Essen gehe, bin ich fast immer als Letzte fertig und habe nur die Hälfte gegessen. Ich kann nicht schnell essen und in Gesellschaft auch nicht viel. Außer es geht mir wirklich richtig gut, dann geht auch mal ein Burger. Aber es dauert ewig und nach den ersten Bissen kämpfe ich mit mir und mit einer Übelkeit, die an guten Tagen schnell verschwindet.

An schlechten Tagen kann ich nicht aufhören zu essen. Immer vorrausgesetzt ich bin alleine und es sind Süßigkeiten zu Hause. Aber das sind sie immer. Bei jedem Einkauf muss mindestens eine Sache mit Zucker dabei sein. Es ist ein Zwang, dem ich nicht entkomme. Oft liegt das unbeachtet im Schrank. Aber manchmal und momentan zu oft, esse ich es. Und ich kann nicht aufhören. Eine Stunde später sitze ich dann da und verspüre den Drang Sport zu machen. Das vergeht meistens ziemlich schnell und wenn nicht, greife ich nach dem Sport sofort wieder zur Chipstüte.

An den Tagen geht einfach gar nichts. Ich hasse alles und jeden und vor allem mich. Ich hasse mich aufgrund meiner mangelnden Selbstbeherrschung. Weil ich wieder schwach war. Weil ich mich im Spiegel ansehe und wortwörtlich das Kotzen bekomme. Ich möchte keine Kommentare über mein Aussehen. Ich weiß, dass ich nicht hässlich bin. Ich weiß es, aber verstehe es nicht. Es geht nicht in meinen Kopf und solange ich es nicht verinnerlichen kann, lasse ich es auf andere Arten raus. Oder stopfe es in mich rein.

Ich war so stolz auf mich, weil ich das komplette Studium durchgehalten hatte. Ohne einen Rückfall. Ein paar mal war der Gedanke da, dass ich mich nur übergeben müsste, um wieder die Kontrolle zu haben, aber da es mir gut ging, blieb es nur bei dem Gedanken.

Und jetzt. Jetzt geht alles wieder von vorne los. Weil ich nicht nein sagen kann, weil ich es immer jedem recht machen muss, weil ich mich für zu viel schuldig fühle.

Ich habe nicht gelernt, was Liebe ist. In meiner längsten Beziehung hat mir mein damaliger Freund ansatzweise gezeigt, wie es sich anfühlen könnte. Seine Familie, die mich ohne wenn und aber aufnahm, gab mir zum ersten mal einen Einblick in ein Familienleben, in dem man für einander da ist. Ich habe kein schlechtes Elternhaus. Ich habe nur nie ein „ich liebe dich“ oder ein „ich mag dich“ gehört, nicht einmal ein „ich bin stolz auf dich“. Egal was ich anfange, meine Eltern stehen dem und mir skeptisch gegenüber. Ich weiß nicht, ob sie mir nichts zu trauen, oder nur einfach nicht an mich glauben. Ich merke nur, dass sie nichts von dem, was ich tue, gut finden. Mache ich was mit Freunden, bin ich zu lang unterwegs. Mache ich nichts, habe ich zu wenig soziale Kontakte. Das Einzige, was ich ihrer Meinung nach den ganzen Tag machen sollte, ist mich um die Uni zu kümmern. Da sie mit meinen Berufswünsche auch nicht zufrieden sind und dass ich nach Hamburg gehe, total bescheuert finde, weiß ich nicht mal auf was ich ihrer Meinung nach hinarbeiten sollte.

Ich brauche Hamburg. Ich muss mich abkapseln. Ich muss lernen, mein Leben zu führen und nicht das, das sie gerne hätten. Ich will es jedem recht machen. Wahrscheinlich auf der Suche nach Anerkennung. Lerne ich einen Mann kennen, der nett zu mir ist und mir Komplimente macht, der mehr von mir möchte, kann ich mich nicht entziehen. Ich kann nicht nein sagen, auch wenn ich weiß, dass das nichts für mich ist. Ich rede mir dann Dinge ein, die ich gut an ihm finde, belüge mich selbst und rechtfertige so mein Handeln vor meinem Gewissen. Und wenn es dann mal wieder passiert, dass mich einer gefunden hat, der mir die tollsten Dinge sagt, der mich für sich möchte, aber nur nach seinen Bedingungen, und ich nicht nein sagen konnte, dann ist es so wie heute, dass ich nur noch Verachtung für mich empfinde und versuche durch das minimale Glücksgefühl beim Essen alles Schlechte zu verdrängen.

Das klappt nur nicht. Das hat es nie und wird es nie. Ich sollte es endlich verstehen.

2 Gedanken zu „Verstehen lernen

  1. Ich weiß nicht, wie ich meine Gedanken dazu schreiben kann, ohne dass es doof klingt. Aber vielleicht trifft es „berührend“ – am liebsten würde ich dich in den Arm nehmen und sagen ‚alles wird gut‘ und weiß doch, dass das so wohl nicht funktionieren wird. (Allein schon, weil du zu weit weg bist 😉 )
    Vieles von deinen Schilderungen erkenne ich an mir selbst wieder, wenn ich darauf auch oft anders reagiere. Ironischerweise lenkt mich das darüber Schreiben gerade jetzt von doofen Gedanken ab, worüber ich mich wirklich freue.
    Viel mehr bleibt mir jetzt nicht zu sagen, außer dass ich dich wirklich mag und mich darauf freue, dich endlich einmal zu treffen! (okay, und auch ein wenig Angst davor habe..)

    Liebe Grüße
    regennachtjunge

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