Pausenwellchen

6. Januar 23:36 Uhr

https://twitter.com/wellenart/status/552594539593359361

Seit Monaten sage ich mir, dass ich im neuen Jahr aufhöre zu twittern und um das durchzuziehen, um wirklich tschüss zu sagen, habe ich eine Woche gebraucht, in der ich mehrmals versuchte, mich zu verabschieden und es nicht schaffte. Doch dann lag ich im Bett, ging meine Instagrambilder durch und fand meine Twitteravatare. Diese Bilder haben mir gezeigt, wie lange ich doch schon dabei bin. Ich erinnere mich bei den meisten Avas, zu welcher Zeit ich sie hochgeladen habe, was ich zu dieser Zeit machte und twitterte und wer von euch hinzukam (der Ranke kam wegen meines Beanie-Avas – jaha, ich habe es nicht vergessen). Also beschloss ich die Collage zu machen, den Tweet zu schreiben und aufzuhören. Und dann ging es los. Ich habe ehrlich gesagt mit keiner Reaktion gerechnet, mit ein paar Favs und mehr nicht. Doch dann explodierte mein DM-Fach und ihr überschlugt euch mit Wünschen, Bedauerungen und (wie sollte es anders sein) Kleinerdreis. Und dann habe ich geweint. Ich habe richtig geheult. Jede Nonmention, jede Mention, jede DM hat mir sehr viel bedeutet, weil ihr mir sehr viel bedeutet. Ihr, die ich euch innerhalb des letzten Jahres zum Teil persönlich getroffen und lieb gewonnen habe. Ihr, die ich noch nie gesehen oder gehört habe, die ich aber durch DMs und What’s App Nachrichten kennen und schätzen gelernt habe, und zuletzt ihr, die ich regelmäßig lese, die mich lesen, die da sind. Also kam ganz schnell der zweite Verabschiedungstweet, dass es sich wirklich nur um einen Abgang auf Zeit handle und ich dank euch Rotz und Wasser weine. Und dann kam noch der letzte Tweet mit meinen Regieanweisungsklammern und somit der erbärmliche Versuch, euch liebevoll bis bald zu sagen. So weit erst einmal.

07.01.2015 Mein erster Tag ohne Twitter und der Todestag eines Freundes

Ich gebe zu, ich habe euch heute morgen kurz gelesen und auch eben noch einmal, kurz bevor ich schlafen wollte. Und die DMs gecheckt. Und für das Twavaria die letzten Teilnehmer hinzugefügt. Aber ich habe nicht geschrieben und das war an dem Tag nicht so einfach. Vielleicht sitze ich auch jetzt deswegen hier und blogge, weil ich einfach alles über das Schreiben verarbeite und es mir gut tut.
Vor mittlerweile drei Jahren starb ein Freund von mir. Ich kannte ihn zwei Jahre und drei-eineinhalb Monate. Ich lernte ihn kennen, als ich für einen Leistungskurs an eine andere Schule ging. Zusammen mit zwei anderen Mädchen waren wir die Außenseiter in der Kunstklasse, die seit der 5. Klasse zusammenklebte. Anschluss zu finden war nicht einfach, vor allem weil die Schulen auch ein bisschen verfeindet waren. Aber er ging auf uns zu, war nett und freundlich und ich mochte ihn bald sehr. Und dann kam der Schock, auf einmal hieß es, er sei tot. Sein Bruder schrieb für ihn ein Lied und ich weine immer noch jedesmal, wenn ich es höre, vor allem an der einen Stelle, an der ein Klaviersolo eingespielt wird, das er vor seinem Tod noch aufnahm. Er ist (-er war [schluckt]) der erste meiner Freunde, der starb und ich werde wohl nie vergessen, wie wir uns an der Notenbekanntgabeparty in die Arme fielen. Nie werde ich die Stimme, das Lächeln oder die durch die Brille riesig wirkenden, tiefblauen, strahlenden Augen vergessen. Ich werde seine Bilder nicht vergessen, seine Art zu zeichnen, im letzten Moment das Konzept eines Bildes völlig auf den Kopf zu stellen, die Leinwand auch mal komplett schwarz zu überpinsel und innerhalb von zehn Minuten wild darauf rumzuritzen und ein kleines Kunstwerk zu erschaffen. Ich werde die Schlachten am Spülbecken nicht vergessen, nicht das Farbemischen, nicht das Rumschrauben an unserer Installation und auch nicht meinen Handabdruck auf seinem Malerhemd. Mein Handabdruck, der ihm Glück fürs Abitur bringen sollten, das wir beide nicht ernst nahmen und es doch ganz gut meisterten. Um es mit den Worten seines Bruders zu sagen: „I will miss you, forever and a day, but in my heart you’ll stay.“ Für immer. Und einen Tag.

Ich hatte Angst vor dem Tag, weil ich nicht wusste, wie ich ihn bewältigen sollte, so ohne euch.
Als ich am Bus stand, um in die Uni zu fahren, sah ich auf der Straße eine Cent Münze liegen. Hätte ich wie sonst meine TL gelesen, hätte ich ihn nicht gesehen. Also hob ich den Cent auf, machte in sauber und beschloss, dass das ein gutes Zeichen sei und das alles klappen würde. Und soll ich euch was sagen? Das hat es. Ich habe meine Bachelorarbeit angemeldet, war mit Freunden essen, hörte von Frankreich (wollte lesen, was ihr schreibt, ob euch das genauso trifft wie mich), ging ins Seminar, in die Bibliothek, fuhr mit einer Freundin ein Stück Richtung nach Hause mit (redete so viel wie schon lange nicht mehr mit ihr), verbracht eine Stunde auf meinen Zug wartend im Lieblingscoffeeshop (nicht wie sonst twitternd, sondern Kabale und Liebe lesend), fuhr eine Stunde mit dem Zug nach Hause (immer noch lesend und Musik hörend), machte Sport (Klappt bitte den Mund wieder zu, ich habe mich auch gewundert! Außerdem wollte ich die ganze Zeit einen Tweet darüber schreiben, dass ich nicht Sport machen könne, weil ich weder den Sport-BH noch den Sporthaargummi (sowas gibt’s, fragt meine Schwester) finden würde und dann ja alles rumhüpfen würde.) und dann wollte ich eigentlich noch lernen. Daraus wurde aber nichts, weil ich anfing alles mögliche zu kündigen (was genau ist unwichtig, ich merke nur einfach, dass ich mich zur Zeit von Ballast befreien muss und dazu gehören anscheinend auch Zeitschriften und Streamingdienste).

Im Bett liegend hatte ich das Bedürfnis zu schreiben, vor allem über diesen besonderen Freund, also beschloss ich, noch einmal aufzustehen und zu bloggen. Ich glaube, das könnte mein Weg sein, um die nächsten Wochen zu überstehen. Wenn ich das Bedürfnis habe, komme ich hier her und erzähle ein bisschen und ich freue mich, wenn ihr mir auch ein bisschen erzählt, was ich in eurem Leben so verpasse.

Ich werde nicht mehr twittern und euch mit der Zeit auch noch weniger lesen, weil ich die Zeit und einen klaren Kopf brauche. Es tut mir sehr leid, das so sagen zu müssen, vor allem da es am Ende eben nicht „nur Twitter“ ist, sondern vor allem die Vielfalt an Menschen.

Welle

4 Gedanken zu „Pausenwellchen

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