Seelenverwandtschaft

Vor etwas mehr als einer Woche fiel dieses Wort in einem Gespräch und seit dem lässt es mich nicht los. Ich meinte, dass ich nicht an Seelenverwandtschaft glauben würde.

Aber warum?
Glaube ich vielleicht nicht an eine Seele?

Man sagt, wenn wir sterben, würde die Seele frei sein und sich einen Weg suchen. Wohin sie dieser Weg führ, weiß keiner. Aber es gibt Vermutungen und Wunschvorstellungen dazu. Manch einer denkt, dass die Seele in der Körper eines Neugeborenen zieht. Theoretisch ist das eine schöne Vorstellung. Denn wenn die Seele das ist, was einen geliebten Menschen ausmacht, würde dieser nie aus unserer Welt verschwinden. Gleichzeitig würde das bedeuten, dass in unseren Körpern Seelen leben würde, die schon Jahrtausende alt sind. Das hieße doch eigentlich, dass wir schon alles wissen müssten und vor allem, dass unsere Welt ein Spielplatz für eine Handvoll Seelen ist, die sich den menschlichen Körper zu eigen machen. Und was passiert, wenn sich so eine Seele verirrt? Sagen wir mal, sie verwechselt ein menschliches Neugeborenes mit einem Tier. Oder die Seele eines Tieres würde sich einen Menschenkörper suchen (das würde vielleicht das animalische Verhalten mancher von uns erklären).

In diesem Sinn glaube ich nicht an eine Seele.
Ich glaube daran, dass Menschen Charakter haben. Dass es verschiedene Eigenschaften, Erfahrungen und Erlebnisse gibt, die diesen Charakter beeinflussen, formen und weiterentwickeln. Und vor allem glaube ich, dass sich Charaktere immer weiter entwickeln, dass es sich hierbei um keine Konstante handelt.
Wenn ich meine Vorstellung eines Charakters auf das Konstrukt Seelenverwandtschaft übertrage, würde das bedeuten, dass sich zwei Menschen konsequent gleich oder sehr ähnlich weiter entwickeln. Das glaube ich, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Denn genau das, was uns weiterentwickeln lässt, macht uns zu einem Individuum.

„Du bist mein Seelenverwandter.“

Es klingt unglaublich romantisch und so perfekt. Aber zugleich hätte ich immer das Gefühl, in dieser Beziehung in einer festen Rolle gefangen zu sein. Es klingt so, als dürfte man keine eigene Meinung haben, sondern müsste immer mit dem anderen konform leben.

Ich glaube aber daran, dass es Menschen gibt, die sich finden und ihr Leben lang auch nicht mehr gehen lassen. Aber ich glaube, dass solche Beziehungen keineswegs auf der Annahme beruhen, dass man für einander bestimmt ist, sondern viel eher auf der Bereitschaft auf den anderen einzugehen. Ich glaube und hoffe, dass es für jeden einen Menschen gibt, der einem gut tut, der zu einem passt und mit dem zusammen man kleine und große Diskrepanzen überwinden kann, an dem man sich festhalten und den man loslassen kann, und sich vor allem an einander und miteinander freuen kann. Ich glaube an die eine Person, mit der man Hand in Hand durchs Leben gehen kann, auch wenn man mal steht, in unterschiedliche Richtungen blickt, oder ein paar Schritte von einander entfernt ist. Aber ich glaube nicht an eine Seelenverwandtschaft.

Ein Gedanke zu „Seelenverwandtschaft

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