Ich kann nicht mehr, aber ich muss

Seit Monaten denke ich mir, dass ich nicht mehr kann. Aber ich habe immer weiter gemacht. Ich habe mir alles von jedem angehört, habe geholfen, bin in den letzten Monaten zusammen fast zehntausend Kilometer gefahren, um immer zu richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und habe es meistens doch nicht geschafft. Aber zerreisen kann ich mich leider nicht. Ich kümmer mich um meine Freunde, meine Familie, meine Oma, erfülle jeden Wunsch, springe im Laden ein, lebe in zwei Städten, studiere, lese und lerne dafür, schreibe Karten, sammle Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten, um anderen eine Freunde zu machen, gehe feiern, weil es von mir erwartet wird, freue mich für Freunde über ihre Beziehung, lass mir von ihrem Liebeskummer erzählen, finde mich vor einem Spiegel, mit dem einzigen Wunsch wieder etwas Kontrolle zu gewinnen und mich zu übergeben, ich mache es nicht, ich gehe in die Bib, schreibe Bewerbungen und kann mich aus Sachen, die mich nichts angehen, einfach nicht raushalten, weswegen ich warme Kleidung für Obdachlose sammle, fast jedem, dem ich begegne einen Tee oder Kaffee besorgen, und letztens wegen einer Anzeige zwei Stunden bei der Polizei verbrachte, und damit ich das Gefühle habe zu leben und noch etwas zu machen, was ich wirklich möchte, treffe ich mich noch mit Twitterern. Es sind so viele Eindrücke, so viele Gedanken und ich kann das nicht mehr verarbeiten.

Ich kann nicht mehr.

Ich stehe vor meiner Bachelorarbeit, habe ein Thema, das mir wirklich gefällt und das mich interessiert. Es dreht sich um Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ und ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Zugang zum Thema Zweiter Weltkrieg gefunden. Wie ein Schwamm sauge ich jede kleine Information auf, entferne mich immer mehr vom Roman und kann aber nicht damit aufhören, weil es mich so unendlich tief trifft. Und die Bachelorarbeit und eine Hausarbeit rücken immer weiter in den Hintergrund. Ich sehe keinen Anfang und kein Ende. Ich weiß nicht, mit welchem Buch ich anfangen soll, sehe keine Struktur und bin auch nicht in der Lage mir eine zu schaffen. Ich bin nicht ordentlich, nicht akkurat und nicht sortiert. Ich hasse wissenschaftliches Arbeiten, weil ich immer wieder auf neue Dinge stoße, die mich interessieren und mich dann lieber damit beschäftige und weiter tragen lasse. Ich kann mich nicht konzentrieren und habe kein Durchhaltevermögen. Aber was ich habe ist Panik. Panik davor der Lage nicht mehr Herr zu werden. Die Prüfungen, die Hausarbeit oder die Bachelorarbeit nicht zu schaffen, meinen Erwartungen nicht stand zu halten und die meiner Eltern zu enttäuschen.

Mein Mantra zur Zeit ist: Nicht weinen. Bloß nicht weinen. Ich weiß genau, dass ich sobald ich anfange nicht mehr aufhören kann, dass ich dann in ein Loch falle aus dem ich nicht mehr herauskomme. Ich kann mir keine Pause nehmen, also innerlich. Ich kann nicht abschalten, ich kann den Stress nicht einfach vergessen, denn wenn ich einmal zur Ruhe komme, werde ich es nicht schaffen wieder weiter zu machen. Ich merke es daran, dass es mir immer schwerer fällt in die Uni zu gehen. Ich kann es einfach nicht und weiß nicht warum. Da hilft kein Überwinden und nichts. Ich komme mir vor wie einbetoniert. Starr, regungslos und bewegungsunfähig. Ich habe keine Routine und wenn ich eine hätte, würde ich sie nicht einhalten. Ich schaffe es nicht täglich meinen Adventskalender zu öffnen oder zweimal täglich das Asthmaspray zu nehmen. Ich bin nicht mehr ich und ich weiß nicht, wo ich mich verloren habe. Ich weiß nicht, bei wem ich mich verloren habe oder in welchem Buch. Ich weiß nicht, wo ich mich finden kann. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper nur noch von den Sorgen angetrieben wird. Sorgen um Freunde, um die Familie, um meine Zukunft und um meine Gesundheit.

Und dabei will ich nichts mehr als einfach Ruhe zu haben und nicht mehr können zu dürfen.

7 Gedanken zu „Ich kann nicht mehr, aber ich muss

  1. Ach meine Liebe, ich wünschte so sehr ich könnte irgendwas sagen, irgendwas tun was auch nur ansatzweise der Trost ist, den du brauchen könntest. Aber ich bin grauslig in sowas. Also bleibt mir nur zu sagen, ich wünsch dir dass du dich über Wasser halten kannst. Ich wünsch dir, dass du garnicht erst so tief versinkst wie du glaubst. Aber Schatz, auch wenn es in irgendner Form nicht mehr weitergeht. Sei es mit dem Studium, oder mit den drölftausend Dingen – es ist keine Schande. Nie gewesen. Und wir werden da sein wenn du fällst. Zumindest ich. Wie viel auch immer das taugt. ❤ Du bist ein toller Mensch.

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  2. LIebe Welle, das Gute ist: du hast ein Ventil! Du schreibst und das hilft dir. Was du über deine Arbeit schreibst, geht sehr vielen so. Damit will ich es nicht klein reden. Der ganze Studienstress gipfelt in einer Abschlussarbeit und die Nerven liegen blank. Das hilft dir nur leider nicht. Ich kann mich erinnern, in der Abschlusszeit Wahnvorstellungen gehabt zu haben. Ich habe Schatten und Personen gesehen, die gar nicht da waren.
    Überleg bitte, was dir (!) gut tut und streich mal die anderen für eine Zeit. Falls du tatsächlich Hilfe beim Strukturieren der Arbeit und deiner Abläufe brauchst, kann ich das gerne übernehmen. Ich habe nämlich auch so ein Helfersyndrom 😉 Du bist mit Herzblut bei der Sache, das ist toll! Lass dich nicht unterkriegen!

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  3. Heidewitzka!
    Überforderung aller Orten.
    Ich kann dir nur ein paar hilflose Tipps geben.

    Zuerst: Denken ausschalten. Das Unterbewusstsein regelt alles Komplexe von selbst.
    Zweitens: Achte auf das, was Du spürst. Wahrheit und Leben liegt nicht im Denken, sondern im Fühlen.
    Drittens: Finde heraus, was dir wirklich wichtig ist. Vergleiche die Dinge, indem Du sie dir innerlich vorstellst und gegenüber stellst. Bei dem dein Wohlgefühl am stärksten ist, findest Du dich.
    Viertens: Konzentriere alle Gedanken, Gefühle, körperliche Kräfte und materielle Mittel nur auf das, was dir wirklich wichtig ist.
    Fünftens: Lass das Leben wellen. Alles ist eine Welle. Alles.

    Herz hoch!
    Arn

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  4. Himmel!
    Schrub ich nicht erst gestern etwas zur Balance zwischen Anspannung und Entspannung?
    Von erstem scheint ja nun durchaus genügend da zu sein. Du solltest Dich vielleicht ein wenig mehr um das zweite kümmern. Auch wenn dann für einige der Dinge da oben nicht mehr die Zeit bleibt, die Du gerne aufwenden möchtest. Möchtest Du sie denn wirklich aufwenden? So aus tiefstem Herzen?
    Ich denke, eher nicht. Also reduziere, was Dir nicht wichtig ist, und geh mal in die Wanne. Oder mach einen Spaziergang, nicht in der Wanne natürlich.
    Muss ja nicht lange sein. Ich meine, eine Viertelstunde ist nicht zu viel für sich selbst. Auch nicht eine halbe Stunde, zweimal täglich.
    Etwas Zeit für sich selbst, um zu entspannen.
    Ohne schlechtes Gewissen, ohne den Blick in die Vergangenheit oder einen Gedanken an die Zukunft. Realisiere und genieße einfach das Hier und Jetzt. Und realisiere Dich selbst. Es gibt Dich schließlich nur einmal, das sollte es dann wohl wert sein, Dir wert sein.

    Ich wünsche Dir, dass Du bald diese Balance wiederfindest.

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