Vorhang, der dritte. Stichwort: Heimweh

(Für: https://blogideekasten.wordpress.com/)

Ich hatte als Kind immer sehr großes Heimweh. In der dritten Klasse fuhren wir das erste Mal in ein Schullandheim und ich fand es schrecklich. Wir fuhren in eine alte Burg mitten im Wald, an sich perfekt für kleine Drittklässler. Wir taten oft so, als wären wir Ronja Räubertochter und machten das umliegende Gelände unsicher. Aber so richtig wohl fühlte ich mich nicht. Das Essen war komisch, es roch anders (Kennen Sie diesen typischen Geruch nach ekeligem Tee, Putzmittel und zu alten Möbeln, der jedem Schullandheim anhaftet? Bäh.) und wir mussten zu zehnt in einem Zimmer schlafen, das vergitterte Fenster hatte. Ich kam mir vor wie ihm Gefängnis. Ich mochte nicht, dass man die Dusche nicht absperren konnte, dass die Toiletten am anderen Ende der Burg waren und wir nie unsere Privatsphäre hatten. Bei mir im Zimmer fingen dann einige an sich zu übergeben und so hatte ich das Glück, dass ich mit einer anderen Mitschülerin umziehen durfte. Aber so ganz bin ich dieses Gefühl nicht losgeworden. Ein Gefühl, als ob sich Taue um das das Herz legen und es einengen. Ein Schmerz und eine Verzweiflung, eine Aussichtslosigkeit, die sich vor allem durch einen dicken Kloß im Hals bemerkbar machen, der sich einfach nicht runterschlucken lässt. Ich hatte dieses Gefühl jahrelang, wenn ich von zuhause weg war. Es kam in der dritten Klasse und blieb bis weit in die Pubertät. Ich hatte es aber auch, wenn meine Eltern dabei waren. In einem Urlaub in Ungarn konnte ich die erste Nacht nicht schlafen und musste immer weinen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Und dieses Gefühl verstehe ich bis heute nicht. Ich nehme an, dass sich meine Angst vor dem Unbekannten irgendwann mit dem Heimweh vermischt hat und ich nicht mehr in der Lage war, diese beiden Empfindungen zu trennen.

Mittlerweile habe ich kein Heimweh mehr. Ich glaube, dass es vor allem daran liegt, dass ich nicht mehr weiß, wo mein Zuhause ist. Ich lebe in zwei Städten, habe zwei Freundeskreise, habe eigentlich zwei Orte, an denen ich mich wohl fühle. Als meine Heimat würde ich meinen Geburtsort bezeichnen, aber Heimweh habe ich danach nicht mehr. Ich bin dort nicht mehr zuhause. Ich komme dort nicht mehr an. Für mich ist es nur noch ein Zwischenstopp auf dem Weg in die andere Stadt und diese ist wiederum nur eine kurze Etappe, bis es wieder in die erste Stadt geht. Ein paar Monate lang lebte ich in drei Städten, das machte das ganze noch komplizierter, weil ich morgens einfach nicht mehr wusste, wo ich bin. Die Betten standen in jedem Zimmer anders, so dass ich des Öfteren beim Aufstehen gegen die Wand lief. Aber ich schweife ein bisschen ab, wie immer, Entschuldigung. Was mir aber richtig fehlt sind die Menschen. Wenn ich sie länger nicht sehe, vermisse ich sie so sehr, dass es mir weh tut. Und mittlerweile fühlt sich die Umarmung meines besten Freundes an wie Ankommen. Er gibt mir die Sicherheit und die Geborgenheit, die mir kein Ort mehr geben kann. Er ist mein Zuhause, meine Heimat. Er ist der, den ich vermisse, nach dem ich Sehnsucht habe und Heimweh.

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