Vorhang, der vierte: Horizont

(Für: https://blogideekasten.wordpress.com/)

[Ein Schreibtisch. Darauf verstreut Bücher, Notizen, Stifte, Ladekabel, ein Kaffeebecher. Eine junge Frau sitzt auf der Kante eines Stuhls, hinter ihr und über der Rückenlehne stapeln sich Kleidungsstücke, sie sieht auf den Bildschirm.]

Ich starre schon eine ganze Weile auf dieses Wort. „Horizont“. Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie sehr ich Menschen mag, die meinen Horizont erweitern, indem sie mir von Dingen erzählen, die sie interessieren und in denen sie richtig gut sind. Ich bin wie ein Schwamm, ich sauge alles auf, weil mich alles interessiert. Leider vergesse ich viel davon, wie ein trocknender Schwamm, der sein Wasser verliert, aber etwas behalte ich dann doch. Man könnte mich auch Königin des gefährlichen Halbwissens nennen. Aber was ich an diesen Menschen am meisten schätze ist, dass sie mich teilhaben lassen, an ihrer Weltsicht und meine dadurch verändern: Sie nehmen mich ein Stück mit, zeigen mir ihren Weg und schon verschiebt sich der Horizont. Etwas in der Richtung wollte ich euch eigentlich erzählen.

Aber jetzt kann ich einfach nicht mehr aufhören dieses Wort anzustarren. Ist euch mal aufgefallen, wie hässlich dieses Wort aussieht?

H o r i z o n t

Eigentlich mag ich Wörter, die nur aus niedrigen Buchstaben bestehen und von zwei hohen gerahmt werden. Da das H aber ein breiter und das t ein schmaler Buchstabe ist, sieht das unglaublich seltsam aus. Und die beiden kleinen o, die nicht symmetrisch platziert sind, genau wie das nicht mittige i, machen es leider nicht besser. Tja, und weil mich die Tatsache, dass ich dieses Wort ziemlich hässlich finde, so sehr ablenkt, kann ich euch gerade nicht davon erzählen, wie sehr ich es liebe, wenn Meer und Himmel  aufeinander treffen, wenn ein Schiff langsam am Horizont verschwindet und wenn Menschen meine Sicht auf die Welt verändern.

Mythos DM-Fach

Was im DM-Fach passiert, bleibt im DM-Fach!

Schön und gut, ich mache heute jedoch eine Ausnahme. Keine Sorge, ich werde keine Namen nennen. Aber mir reichts. Ich weiß nicht, ob es euch genau so geht, wie mir, aber ich bekomme immer wieder unaufgefordert Penis- und Nacktbilder geschickt. Ich glaube nicht, dass ich eine Person bin, die durch ihre Tweets darum bittet. Also was genau denken sich manche dabei?

Bei mir ist es mittlerweile so weit, dass ich zeitweise mehr anzügliche Nachrichten im Postfach habe, als normale Unterhaltungen. Manchmal freue ich mich, weil ich mich mit jemandem echt gut zu verstehen scheine und das Schreiben mit dieser Person einfach nur Spaß macht, nur um dann kurz darauf gefragt zu werden, was ich denn an habe. Liebe Männer (ich weiß nicht, ob die Frauen das auch so machen, in meinem DM-Fach waren es bis jetzt – oh Wunder- nur Männer), muss das denn sein? Seid ihr wirklich so verzweifelt? Mir ist klar, dass das manche einfach nur zum Spaß machen. Natürlich habe ich auch meine Erfahrungen mit Sexting und kenne den Reiz, den es haben kann. Aber es nervt. Ich habe keine Lust irgendwelche Penise zu sehen und auch auf eure Oberkörper kann ich gut und gerne verzichte.

Ich lerne Menschen gerne kennen. Ich finde es spannend herauszufinden, was eine Person ausmacht, wie sie denkt und wie sie etwas privater schreibt. Ich mag es die Vielschichtigkeit eines Menschen kennen zu lernen und vor allem mag ich an Twitter, dass man von Innen nach Außen vorgeht. Aber dieses Außen möchte ich doch nicht gleich nackt sehen.

Seelenverwandtschaft

Vor etwas mehr als einer Woche fiel dieses Wort in einem Gespräch und seit dem lässt es mich nicht los. Ich meinte, dass ich nicht an Seelenverwandtschaft glauben würde.

Aber warum?
Glaube ich vielleicht nicht an eine Seele?

Man sagt, wenn wir sterben, würde die Seele frei sein und sich einen Weg suchen. Wohin sie dieser Weg führ, weiß keiner. Aber es gibt Vermutungen und Wunschvorstellungen dazu. Manch einer denkt, dass die Seele in der Körper eines Neugeborenen zieht. Theoretisch ist das eine schöne Vorstellung. Denn wenn die Seele das ist, was einen geliebten Menschen ausmacht, würde dieser nie aus unserer Welt verschwinden. Gleichzeitig würde das bedeuten, dass in unseren Körpern Seelen leben würde, die schon Jahrtausende alt sind. Das hieße doch eigentlich, dass wir schon alles wissen müssten und vor allem, dass unsere Welt ein Spielplatz für eine Handvoll Seelen ist, die sich den menschlichen Körper zu eigen machen. Und was passiert, wenn sich so eine Seele verirrt? Sagen wir mal, sie verwechselt ein menschliches Neugeborenes mit einem Tier. Oder die Seele eines Tieres würde sich einen Menschenkörper suchen (das würde vielleicht das animalische Verhalten mancher von uns erklären).

In diesem Sinn glaube ich nicht an eine Seele.
Ich glaube daran, dass Menschen Charakter haben. Dass es verschiedene Eigenschaften, Erfahrungen und Erlebnisse gibt, die diesen Charakter beeinflussen, formen und weiterentwickeln. Und vor allem glaube ich, dass sich Charaktere immer weiter entwickeln, dass es sich hierbei um keine Konstante handelt.
Wenn ich meine Vorstellung eines Charakters auf das Konstrukt Seelenverwandtschaft übertrage, würde das bedeuten, dass sich zwei Menschen konsequent gleich oder sehr ähnlich weiter entwickeln. Das glaube ich, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Denn genau das, was uns weiterentwickeln lässt, macht uns zu einem Individuum.

„Du bist mein Seelenverwandter.“

Es klingt unglaublich romantisch und so perfekt. Aber zugleich hätte ich immer das Gefühl, in dieser Beziehung in einer festen Rolle gefangen zu sein. Es klingt so, als dürfte man keine eigene Meinung haben, sondern müsste immer mit dem anderen konform leben.

Ich glaube aber daran, dass es Menschen gibt, die sich finden und ihr Leben lang auch nicht mehr gehen lassen. Aber ich glaube, dass solche Beziehungen keineswegs auf der Annahme beruhen, dass man für einander bestimmt ist, sondern viel eher auf der Bereitschaft auf den anderen einzugehen. Ich glaube und hoffe, dass es für jeden einen Menschen gibt, der einem gut tut, der zu einem passt und mit dem zusammen man kleine und große Diskrepanzen überwinden kann, an dem man sich festhalten und den man loslassen kann, und sich vor allem an einander und miteinander freuen kann. Ich glaube an die eine Person, mit der man Hand in Hand durchs Leben gehen kann, auch wenn man mal steht, in unterschiedliche Richtungen blickt, oder ein paar Schritte von einander entfernt ist. Aber ich glaube nicht an eine Seelenverwandtschaft.

Ich kann nicht mehr, aber ich muss

Seit Monaten denke ich mir, dass ich nicht mehr kann. Aber ich habe immer weiter gemacht. Ich habe mir alles von jedem angehört, habe geholfen, bin in den letzten Monaten zusammen fast zehntausend Kilometer gefahren, um immer zu richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und habe es meistens doch nicht geschafft. Aber zerreisen kann ich mich leider nicht. Ich kümmer mich um meine Freunde, meine Familie, meine Oma, erfülle jeden Wunsch, springe im Laden ein, lebe in zwei Städten, studiere, lese und lerne dafür, schreibe Karten, sammle Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten, um anderen eine Freunde zu machen, gehe feiern, weil es von mir erwartet wird, freue mich für Freunde über ihre Beziehung, lass mir von ihrem Liebeskummer erzählen, finde mich vor einem Spiegel, mit dem einzigen Wunsch wieder etwas Kontrolle zu gewinnen und mich zu übergeben, ich mache es nicht, ich gehe in die Bib, schreibe Bewerbungen und kann mich aus Sachen, die mich nichts angehen, einfach nicht raushalten, weswegen ich warme Kleidung für Obdachlose sammle, fast jedem, dem ich begegne einen Tee oder Kaffee besorgen, und letztens wegen einer Anzeige zwei Stunden bei der Polizei verbrachte, und damit ich das Gefühle habe zu leben und noch etwas zu machen, was ich wirklich möchte, treffe ich mich noch mit Twitterern. Es sind so viele Eindrücke, so viele Gedanken und ich kann das nicht mehr verarbeiten.

Ich kann nicht mehr.

Ich stehe vor meiner Bachelorarbeit, habe ein Thema, das mir wirklich gefällt und das mich interessiert. Es dreht sich um Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ und ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Zugang zum Thema Zweiter Weltkrieg gefunden. Wie ein Schwamm sauge ich jede kleine Information auf, entferne mich immer mehr vom Roman und kann aber nicht damit aufhören, weil es mich so unendlich tief trifft. Und die Bachelorarbeit und eine Hausarbeit rücken immer weiter in den Hintergrund. Ich sehe keinen Anfang und kein Ende. Ich weiß nicht, mit welchem Buch ich anfangen soll, sehe keine Struktur und bin auch nicht in der Lage mir eine zu schaffen. Ich bin nicht ordentlich, nicht akkurat und nicht sortiert. Ich hasse wissenschaftliches Arbeiten, weil ich immer wieder auf neue Dinge stoße, die mich interessieren und mich dann lieber damit beschäftige und weiter tragen lasse. Ich kann mich nicht konzentrieren und habe kein Durchhaltevermögen. Aber was ich habe ist Panik. Panik davor der Lage nicht mehr Herr zu werden. Die Prüfungen, die Hausarbeit oder die Bachelorarbeit nicht zu schaffen, meinen Erwartungen nicht stand zu halten und die meiner Eltern zu enttäuschen.

Mein Mantra zur Zeit ist: Nicht weinen. Bloß nicht weinen. Ich weiß genau, dass ich sobald ich anfange nicht mehr aufhören kann, dass ich dann in ein Loch falle aus dem ich nicht mehr herauskomme. Ich kann mir keine Pause nehmen, also innerlich. Ich kann nicht abschalten, ich kann den Stress nicht einfach vergessen, denn wenn ich einmal zur Ruhe komme, werde ich es nicht schaffen wieder weiter zu machen. Ich merke es daran, dass es mir immer schwerer fällt in die Uni zu gehen. Ich kann es einfach nicht und weiß nicht warum. Da hilft kein Überwinden und nichts. Ich komme mir vor wie einbetoniert. Starr, regungslos und bewegungsunfähig. Ich habe keine Routine und wenn ich eine hätte, würde ich sie nicht einhalten. Ich schaffe es nicht täglich meinen Adventskalender zu öffnen oder zweimal täglich das Asthmaspray zu nehmen. Ich bin nicht mehr ich und ich weiß nicht, wo ich mich verloren habe. Ich weiß nicht, bei wem ich mich verloren habe oder in welchem Buch. Ich weiß nicht, wo ich mich finden kann. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper nur noch von den Sorgen angetrieben wird. Sorgen um Freunde, um die Familie, um meine Zukunft und um meine Gesundheit.

Und dabei will ich nichts mehr als einfach Ruhe zu haben und nicht mehr können zu dürfen.

Generation Isolation

Liebe @delanji,

Ich weiß gar nicht, was ich noch dazu sagen soll. Du hast so recht!

Flaggenfetzen

In meiner TL ist Winter. Bei mir auch. Das zwingt zum denken. Und zum beobachten.
Beides will ich hier mal tun.

Wir sind eine Generation zwischen Isolation und bedingungsloser Solidarität. Wir denken an Heimat, und fast alle von uns merken, dass wir keine haben.

„Ich überlege seit längerem, was Heimat für mich ist, und glaube, dass ich mittlerweile nirgends mehr zuhause bin.“

— Welle Steak (@wellenart) 29. November 2014

Wir denken an Familien.
Wir stellen fest, dass es in unseren eigenen Leben oder in unseren Freundeskreisen kaum noch so ein auch nur annähernd funktionierendes Konstrukt gibt.

„Hier hat ein Mädchen Fotos ihrer Eltern im Portmonee. Ich habe ja keine Freunde, die gut mit ihren Eltern klar kommen.

— Püppi (@Staubprinzessin) 4. Dezember 2014

Wir sind Anfang, Mitte, Ende 20 und haben fast alle schon mindestens irgendeinen in unserem Bekanntenkreis durch Suizid verloren, oder kennen zu viele die das ganze…

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Vorhang, der dritte. Stichwort: Heimweh

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Ich hatte als Kind immer sehr großes Heimweh. In der dritten Klasse fuhren wir das erste Mal in ein Schullandheim und ich fand es schrecklich. Wir fuhren in eine alte Burg mitten im Wald, an sich perfekt für kleine Drittklässler. Wir taten oft so, als wären wir Ronja Räubertochter und machten das umliegende Gelände unsicher. Aber so richtig wohl fühlte ich mich nicht. Das Essen war komisch, es roch anders (Kennen Sie diesen typischen Geruch nach ekeligem Tee, Putzmittel und zu alten Möbeln, der jedem Schullandheim anhaftet? Bäh.) und wir mussten zu zehnt in einem Zimmer schlafen, das vergitterte Fenster hatte. Ich kam mir vor wie ihm Gefängnis. Ich mochte nicht, dass man die Dusche nicht absperren konnte, dass die Toiletten am anderen Ende der Burg waren und wir nie unsere Privatsphäre hatten. Bei mir im Zimmer fingen dann einige an sich zu übergeben und so hatte ich das Glück, dass ich mit einer anderen Mitschülerin umziehen durfte. Aber so ganz bin ich dieses Gefühl nicht losgeworden. Ein Gefühl, als ob sich Taue um das das Herz legen und es einengen. Ein Schmerz und eine Verzweiflung, eine Aussichtslosigkeit, die sich vor allem durch einen dicken Kloß im Hals bemerkbar machen, der sich einfach nicht runterschlucken lässt. Ich hatte dieses Gefühl jahrelang, wenn ich von zuhause weg war. Es kam in der dritten Klasse und blieb bis weit in die Pubertät. Ich hatte es aber auch, wenn meine Eltern dabei waren. In einem Urlaub in Ungarn konnte ich die erste Nacht nicht schlafen und musste immer weinen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Und dieses Gefühl verstehe ich bis heute nicht. Ich nehme an, dass sich meine Angst vor dem Unbekannten irgendwann mit dem Heimweh vermischt hat und ich nicht mehr in der Lage war, diese beiden Empfindungen zu trennen.

Mittlerweile habe ich kein Heimweh mehr. Ich glaube, dass es vor allem daran liegt, dass ich nicht mehr weiß, wo mein Zuhause ist. Ich lebe in zwei Städten, habe zwei Freundeskreise, habe eigentlich zwei Orte, an denen ich mich wohl fühle. Als meine Heimat würde ich meinen Geburtsort bezeichnen, aber Heimweh habe ich danach nicht mehr. Ich bin dort nicht mehr zuhause. Ich komme dort nicht mehr an. Für mich ist es nur noch ein Zwischenstopp auf dem Weg in die andere Stadt und diese ist wiederum nur eine kurze Etappe, bis es wieder in die erste Stadt geht. Ein paar Monate lang lebte ich in drei Städten, das machte das ganze noch komplizierter, weil ich morgens einfach nicht mehr wusste, wo ich bin. Die Betten standen in jedem Zimmer anders, so dass ich des Öfteren beim Aufstehen gegen die Wand lief. Aber ich schweife ein bisschen ab, wie immer, Entschuldigung. Was mir aber richtig fehlt sind die Menschen. Wenn ich sie länger nicht sehe, vermisse ich sie so sehr, dass es mir weh tut. Und mittlerweile fühlt sich die Umarmung meines besten Freundes an wie Ankommen. Er gibt mir die Sicherheit und die Geborgenheit, die mir kein Ort mehr geben kann. Er ist mein Zuhause, meine Heimat. Er ist der, den ich vermisse, nach dem ich Sehnsucht habe und Heimweh.