Vorhang, der Erste. Stichwort: UNGERECHTIGKEIT

Ein Gymnasium in Bayern, eine Abiturientin, eine Geschichtsprüfung.

[Auftritt Abiturientin.]

Ich habe in Geschichte meine mündliche Abiturprüfung gemacht. Meine Lehrerin ging mitten in der Kollegstufe in den Mutterschutz und so bekamen wir einen recht jungen Lehrer. Dieser kannte sich nicht wirklich mit dem G9 aus und man merkte, dass er auch keine Lust hatte, sich einzuarbeiten. Warum auch? Es war ja eh der letzte Jahrgang. Eine Freundin von mir und ich, wir waren die Einzigen, die bei ihm die mündliche Prüfung machen wollten. Er half uns nicht. Während die Prüflinge in Biologie Extraunterricht bekamen und der Mathelehrer mit seinen Schützlingen bis 22:00 Uhr übte, waren wir komplett auf uns gestellt. Wir bekamen keine Texte, keine Tipps, keine Einschränkungen, nichts. Ich bin ein Last-Minute-Mensch. Ich klopfte mir drei Tage lang den Stoff von zwei Schuljahren ins Hirn. Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft.

Wir hatten 30 Minuten Zeit, um uns auf unser Thema vorzubereiten, mussten dann 10-15 Minuten darüber referieren und bekamen danach noch Fragen gestellt. Mein Thema war die Machtergreifung Hitlers. Ich glaube, das war das beste Thema, das ich mir wünschen konnte, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas auswendig gelernt hatte und so jede Jahreszahl wusste. Ich schrieb mir auf einem Blatt alle Daten runter, listete sie ordentlich auf, markierte mir bestimme Punkte, die ich genauer ausführen wollte, und las mir dann die Texte durch, die auch noch zur Prüfung gehörten. Ich war nicht sonderlich aufgeregt. Ich stellte mich vor meine beiden Lehrer, atmete einmal durch und fing an alles zu erzählen, was ich wusste. Ich war gut. Ich kann eigentlich schlecht vor Menschen reden und Geschichte war auch nie eines meiner Lieblingsfächer, aber an dem Tag war ich wirklich gut. Ein paar Tage später bekam ich mein Abiturzeugnis und sah, dass hinter Geschichte 12 Punkte gedruckt waren. Ich freute mich sehr –  ich war immer zu faul zum Lernen und hatte selten gute Noten, 12 Punkte waren echt außergewöhnlich für mich.

So weit, so gut. Wo ist die Ungerechtigkeit?

Bei uns an der Schule ist es Tradition, dass der untere Jahrgang an der Abiturfeier der 13. Klasse kellnerte und sich um die Bar kümmerte. Bei meiner Abiturfeier traf also G8 auf G9. Als ich mir was zu trinken holte, redete ich kurz mit einer Freundin aus der 12. Klasse. Sie würde auch bei meinem Geschichtslehrer die mündliche Prüfung machen und erzählte mir, wie toll er sie doch vorbereiten würden. Als sie dann sagte, dass er ihnen meine Notizen aus der Abiturprüfung gezeigt und gemeint hätte, dass man es besser nicht machen könnte und das 14 Punkte gewesen wären, brach irgendetwas ganz tief in mir drinnen. Nicht nur, dass er den G8 Jahrgang vorbereitete und uns alleine stehen gelassen hatte, nein, er nahm auch noch meine (eigentlich doch vertraulichen?) Notizen aus meiner Abiturprüfung, auf denen er meinen Namen stehen gelassen hatte, um ihnen zu helfen. Dass der G8- Jahrgang für die exakt gleiche Prüfung 2 Punkte mehr bekommen hätte, realisierte ich in dem Moment gar nicht. Uns war eh klar, dass das neue Konzept und der erste Abiturjahrgang richtig gut sein mussten. Aber ich glaube vielen von uns war nicht klar, dass das auf unsere Kosten passieren würde. Und dabei habe ich noch nicht einmal erwähnt, dass das Abitur des G8- Jahrgangs nachträglich noch einmal korrigiert wurde und die Noten hochgestuft wurden.

[Die Abiturientin geht in den Zuschauerraum ab.]

 

Fettleibigkeit – Hungerbauch.

Ballerspiele – Kindersoldat.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin mir sehr bewusst, dass es auf dieser Welt viel Schlimmeres gibt. Ich profitiere sehr davon, in einem Land geboren zu sein, das wirtschaftlich gut da steht. Ich hungere nicht, ich muss mir keine Sorgen um mein Überleben machen, mir geht es gut. Ich glaube nicht, dass ich in der Position bin, über die Ungerechtigkeit (im Sinne von Chancenungleichheit, die Schere zwischen arm und reich oder die Tatsache, dass uns Menschen auf die unterschiedlichsten Arten genommen werden) zu schreiben, weil ich mich in einer guten Situation befinde. Genauso wenig möchte ich versuchen eine Definition für Ungerechtigkeit zu liefern, denn seien wir mal ehrlich, googlen kann jeder und da Ungerechtigkeit subjektiv wahrgenommen wird, kann es auch nicht nur eine allgemeingültige geben. Ich versuche dieses Projekt (http://fahnefluechtig.wordpress.com/) zu nutzen und mir Gedanken über mein Leben zu machen. Man kann mir jetzt vorwerfen, dass ich nicht über den Tellerrand schauen möchte, aber so ist es nicht. Ich möchte nur versuchen, meine eigene Sicht zu erklären und mich von den anderen Beiträgen ein bisschen zu unterscheiden, und das klappt nun mal am Besten, wenn ich über etwas persönliches schreibe.

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