Nicht ohne meinen Hut

Mein Opa war ein sehr strenger Mann. Besonders zu mir war er immer sehr hart. Ich konnte mir lange nicht erklären warum. Ich dachte, dass es wohl daran liegen würde, dass ich als einzige von uns Mädchen nicht blond wäre und auch kein braves Kind, sondern sehr dickköpfig, eigensinnig und wild. Als meine kleineren Cousins groß genug waren, um für das ein oder andere Chaos mit verantwortlich zu sein, bekam nicht mehr ich den Ärger ab, sondern der Jüngste. Mittlerweile glaube ich, dass es nichts mit der Haarfarbe, sondern mit unserem Äußeren zu tun hat.
Mein jüngster Cousin sieht mir sehr ähnlich. Wenn man sich Kinderbilder meines Opas ansieht und die meines Cousins daneben legt, fällt es sehr schwer zu sagen, um wen es sich handelt. Letztens habe ich dann zum ersten Mal bewusst ein Foto von meiner Uroma gesehen, also von der Mutter meines Opas. Auf dem Foto wird sie wohl schon um die 70 Jahre alt gewesen sein, aber trotzdem kam es mir vor als ob ich in einen Spiegel schauen würde. Sie hatte die gleichen Augen, eine ähnliche Nase und die gleiche Mimik. Auf dem Bild lächelt sie leicht und ihre Augen funkelten so spöttisch, wie ich es von meinem Opa kenne, und so fragte ich meine Oma, ob sie denn oft gelacht hätte. Meine Oma wollte wohl nichts böses über ihre Schwiegermutter sagen, aber ihr Blick und das „sie war eine graisliche Frau“ verriet doch genug.
Mittlerweile glaube ich, dass mein Opa in mir (und meinem kleinen Cousin) sich entdeckte. Vielleicht auch seine Mutter, aber auf jeden Fall seine Gene, und deswegen so streng zu uns war. Ich weiß nicht, ob er nur unser Bestes wollte und uns deswegen forderte oder ob er den Anblick nicht ertragen konnte und er eher unterbewusst „bäis“ war. Auch wenn ich oft weinte und mich ungerecht behandelt fühlte, mochte ich meinen Opa sehr.

Nachdem er starb fing meine Oma an den Kleiderschrank aufzuräumen und seine Sachen an die Männer in der Familie zu verteilen. Sie erwähnte ein paar mal die Hüte und dass die keiner der Männer haben wollte. Ich bat sie sehr oft, mir die Hüte zu zeigen, aber sie wollte es nicht. „Die passen da ned und des san Mannerhiat.“ Das mir das egal war, war ihr egal. Und so schmiss sie die meisten Hüte weg. Heute holte ich sie auf dem Weg zum Friedhof ab. Weil sie noch nicht fertig war, stand ich in der Sonne und wartete. Ich hatte meinen bordeaux-farbenen Filzhut auf. Anscheinend hatte sie mich vom Fenster aus gesehen, denn als sie herunter kam, meinte sie, dass sie für einen kurzen Moment dachte, da würde die Novna stehen. (Ich muss mal genauer nachfragen, woher „Novna“ kommt, ich dachte immer es sei tschechisch für Oma, aber meiner Recherchen haben eben keinen Sinn ergeben.) Als wir nach dem Friedhof beim Kaffeetrinken saßen, fragte ich meine Oma also nochmal nach den Hüten. Sie meinte, dass sie noch drei hätte und brachte sie mir. Und oh Wunder, alle passten. Ich habe halt doch den gleichen Dickkopf wie mein Opa. Ich musste mit meinem Onkel sprechen, ob er sie nicht habe wolle (HALLO?! ER HÄTTE ZWEI JAHRE LANG ZEIT GEHABT!) und durfte sie dann haben (SONST HÄTTE ES AUCH ÄRGER GEGEBEN!).
Als ich ging, meinte sie, dass ich die Hüte auf keinen Fall verschenken durfte. Manchmal frage ich mich wirklich.. ich kämpfe doch nicht Jahre lang um etwas, das ich dann sofort verschenke. Ich glaub, sie weiß gar nicht wie viel mir diese Hüte bedeuten. Ich kann momentan nicht einmal richtig tippen, weil ich alles nur verschwommen sehe, weil meine Tränen nicht mehr aufhören wollen zu fließen.

Eins der ersten Fotos, dass es von mir und meinem Opa gibt und wahrscheinlich das erste, an dass ich mich erinnern kann, zeigt meinen Opa bei uns auf der Kachelofenbank sitzen und mich auf seinem Schoß, nur sieht man nicht viel von mir, weil auf meinem Kopf sein Hut thront.

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