Vorhang, der Zweite. Stichwort: Das Internet und seine Auswirkungen auf euer Leben.

(Für https://blogideekasten.wordpress.com/)

Zu dem Thema habe ich so viele Gedanken und doch nichts zu sagen. Vielleicht, weil ich mir nicht eingestehen möchte, wie groß die Auswirkungen des Internets auf mein Leben wirklich sind.

Ich bin damit groß geworden. Mit diesem World Wide Web. Am Anfang hatte ich noch etwas Angst davor, man bekam ja immer Horrorgeschichten davon erzählt. Ich weiß noch, dass wir in der 6. Klasse für Musik ein Referat über ABBA machen mussten und zum ersten Mal im Internet recherchiert haben. Mühsam haben wir uns die ganzen Informationen stundenlang per Hand rausgeschrieben, weil wir nicht wussten, dass man sich das auch ganz einfach ausdrucken konnte. Ich durfte anfangs fast nie an den Computer von meinem Vater. Das war der einzige PC mit Internet bei uns im Haus und meine Tür in die virtuelle Welt wurde sehr streng bewacht. Im Nachhinein bin ich darüber ganz froh, denn so kam ich „erst“ mit 13 in Berührung mit MSN, ICQ, pafnet und pbu. (Pafnet und pbu sind bei uns in der Region die Vorläufer von facebook gewesen.)

Ich weiß nicht, ob ich jemals verliebt war ohne die Möglichkeit zu haben, im Internet alles über die Person herauszufinden. Eigentlich finde ich das wahnsinnig schade. Mit meiner besten Freundin verbrachte ich ganze Nachmittage damit, gemeinsam mit unserem Schwarm zu chatten und bei jeder Antwort nervös kichernd zu hyperventilieren. Und ganz schlimm war, dass wir sofort eifersüchtig wurden, wenn wir bemerkten, dass er das Profil einer anderen besucht hatte -oder noch schlimmer- ihr ins Gästebuch geschrieben hatte.

Irgendwie hat sich dieses Social Media immer weiter hochgeschaukelt und heute sitze ich hier mit einem Facebook-Profil, mit Twitter, mit instagram und mit einem Blog. Nicht nur, dass ich nicht richtig lernte in einer Bibliothek zu recherchieren (Okay, Google!), in Kochbüchern zu stöbern oder einen Nachmittag einfach nur mit Shoppen zu verbringen (darüber bin ich wirklich NICHT traurig), ich glaube, dass ich auch viel im Kennenlernen von Menschen nicht lernte. Ich gab und gebe schon immer sehr viel auf die Worte von Menschen. Ich bin in einer Welt groß geworden, in der man eigentlich nicht mehr Vielen glauben kann und trotzdem tue ich es immer wieder. Ich bin schon sehr oft auf die Schnauze geflogen. Von Stalkern bis hin zu rachsüchtigen Möchtegernlovern, die wüste Lügen in die virtuelle Welt streuten, war schon alles dabei (auch und vor allem dank Twitter).

Aber ich habe auch schon sehr viele gute Erfahrungen gemacht. Ich habe über Twitter ein paar Menschen kennengelernt, die mein Leben ziemlich bereichern, die einfach da sind, obwohl sie einen nicht kennen und wirklich und ehrlich Anteil haben wollen, an dem, was einem passiert. Bei einem von ihnen ist es etwas anders. Ich sagte ja vorher, dass ich schon immer die Möglichkeit hatte, innerhalb von ein paar Minuten alles über einen Menschen herauszufinden. Bei dieser einen Person ist das nicht so. Wir folgten uns auf Twitter und trafen uns sehr schnell auf einen Kaffee, von da ab war das alles eher ein persönliches Kennenlernen. Ich weiß nichts über diese Person, was sie mir nicht selbst gesagt hat und ich finde das zur Abwechslung sehr spannend und auch echt angenehm.

Also liebes Internet, du gibst mir sehr viel. Du gibst mir die Möglichkeit kurz etwas „nachzuschlagen“, das ich innerhalb von drei Minuten wieder vergessen kann, du schenkst mir Zeit, die ich nicht in den Warteschlangen vor irgendwelchen Kassen verschwende, sondern so viel sinnvoller (haha, von wegen, ich lande doch immer wieder auf Twitter) nutzen kann, du hast mich sehr schnell erwachsen werden lassen und es doch nie geschafft mir den kindlichen Glauben auszutreiben und vor allem, liebes Internet, sind die wenigen Momente ohne dich sehr besonders.

Vorhang, der Erste. Stichwort: UNGERECHTIGKEIT

Ein Gymnasium in Bayern, eine Abiturientin, eine Geschichtsprüfung.

[Auftritt Abiturientin.]

Ich habe in Geschichte meine mündliche Abiturprüfung gemacht. Meine Lehrerin ging mitten in der Kollegstufe in den Mutterschutz und so bekamen wir einen recht jungen Lehrer. Dieser kannte sich nicht wirklich mit dem G9 aus und man merkte, dass er auch keine Lust hatte, sich einzuarbeiten. Warum auch? Es war ja eh der letzte Jahrgang. Eine Freundin von mir und ich, wir waren die Einzigen, die bei ihm die mündliche Prüfung machen wollten. Er half uns nicht. Während die Prüflinge in Biologie Extraunterricht bekamen und der Mathelehrer mit seinen Schützlingen bis 22:00 Uhr übte, waren wir komplett auf uns gestellt. Wir bekamen keine Texte, keine Tipps, keine Einschränkungen, nichts. Ich bin ein Last-Minute-Mensch. Ich klopfte mir drei Tage lang den Stoff von zwei Schuljahren ins Hirn. Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft.

Wir hatten 30 Minuten Zeit, um uns auf unser Thema vorzubereiten, mussten dann 10-15 Minuten darüber referieren und bekamen danach noch Fragen gestellt. Mein Thema war die Machtergreifung Hitlers. Ich glaube, das war das beste Thema, das ich mir wünschen konnte, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas auswendig gelernt hatte und so jede Jahreszahl wusste. Ich schrieb mir auf einem Blatt alle Daten runter, listete sie ordentlich auf, markierte mir bestimme Punkte, die ich genauer ausführen wollte, und las mir dann die Texte durch, die auch noch zur Prüfung gehörten. Ich war nicht sonderlich aufgeregt. Ich stellte mich vor meine beiden Lehrer, atmete einmal durch und fing an alles zu erzählen, was ich wusste. Ich war gut. Ich kann eigentlich schlecht vor Menschen reden und Geschichte war auch nie eines meiner Lieblingsfächer, aber an dem Tag war ich wirklich gut. Ein paar Tage später bekam ich mein Abiturzeugnis und sah, dass hinter Geschichte 12 Punkte gedruckt waren. Ich freute mich sehr –  ich war immer zu faul zum Lernen und hatte selten gute Noten, 12 Punkte waren echt außergewöhnlich für mich.

So weit, so gut. Wo ist die Ungerechtigkeit?

Bei uns an der Schule ist es Tradition, dass der untere Jahrgang an der Abiturfeier der 13. Klasse kellnerte und sich um die Bar kümmerte. Bei meiner Abiturfeier traf also G8 auf G9. Als ich mir was zu trinken holte, redete ich kurz mit einer Freundin aus der 12. Klasse. Sie würde auch bei meinem Geschichtslehrer die mündliche Prüfung machen und erzählte mir, wie toll er sie doch vorbereiten würden. Als sie dann sagte, dass er ihnen meine Notizen aus der Abiturprüfung gezeigt und gemeint hätte, dass man es besser nicht machen könnte und das 14 Punkte gewesen wären, brach irgendetwas ganz tief in mir drinnen. Nicht nur, dass er den G8 Jahrgang vorbereitete und uns alleine stehen gelassen hatte, nein, er nahm auch noch meine (eigentlich doch vertraulichen?) Notizen aus meiner Abiturprüfung, auf denen er meinen Namen stehen gelassen hatte, um ihnen zu helfen. Dass der G8- Jahrgang für die exakt gleiche Prüfung 2 Punkte mehr bekommen hätte, realisierte ich in dem Moment gar nicht. Uns war eh klar, dass das neue Konzept und der erste Abiturjahrgang richtig gut sein mussten. Aber ich glaube vielen von uns war nicht klar, dass das auf unsere Kosten passieren würde. Und dabei habe ich noch nicht einmal erwähnt, dass das Abitur des G8- Jahrgangs nachträglich noch einmal korrigiert wurde und die Noten hochgestuft wurden.

[Die Abiturientin geht in den Zuschauerraum ab.]

 

Fettleibigkeit – Hungerbauch.

Ballerspiele – Kindersoldat.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin mir sehr bewusst, dass es auf dieser Welt viel Schlimmeres gibt. Ich profitiere sehr davon, in einem Land geboren zu sein, das wirtschaftlich gut da steht. Ich hungere nicht, ich muss mir keine Sorgen um mein Überleben machen, mir geht es gut. Ich glaube nicht, dass ich in der Position bin, über die Ungerechtigkeit (im Sinne von Chancenungleichheit, die Schere zwischen arm und reich oder die Tatsache, dass uns Menschen auf die unterschiedlichsten Arten genommen werden) zu schreiben, weil ich mich in einer guten Situation befinde. Genauso wenig möchte ich versuchen eine Definition für Ungerechtigkeit zu liefern, denn seien wir mal ehrlich, googlen kann jeder und da Ungerechtigkeit subjektiv wahrgenommen wird, kann es auch nicht nur eine allgemeingültige geben. Ich versuche dieses Projekt (http://fahnefluechtig.wordpress.com/) zu nutzen und mir Gedanken über mein Leben zu machen. Man kann mir jetzt vorwerfen, dass ich nicht über den Tellerrand schauen möchte, aber so ist es nicht. Ich möchte nur versuchen, meine eigene Sicht zu erklären und mich von den anderen Beiträgen ein bisschen zu unterscheiden, und das klappt nun mal am Besten, wenn ich über etwas persönliches schreibe.

Nicht ohne meinen Hut

Mein Opa war ein sehr strenger Mann. Besonders zu mir war er immer sehr hart. Ich konnte mir lange nicht erklären warum. Ich dachte, dass es wohl daran liegen würde, dass ich als einzige von uns Mädchen nicht blond wäre und auch kein braves Kind, sondern sehr dickköpfig, eigensinnig und wild. Als meine kleineren Cousins groß genug waren, um für das ein oder andere Chaos mit verantwortlich zu sein, bekam nicht mehr ich den Ärger ab, sondern der Jüngste. Mittlerweile glaube ich, dass es nichts mit der Haarfarbe, sondern mit unserem Äußeren zu tun hat.
Mein jüngster Cousin sieht mir sehr ähnlich. Wenn man sich Kinderbilder meines Opas ansieht und die meines Cousins daneben legt, fällt es sehr schwer zu sagen, um wen es sich handelt. Letztens habe ich dann zum ersten Mal bewusst ein Foto von meiner Uroma gesehen, also von der Mutter meines Opas. Auf dem Foto wird sie wohl schon um die 70 Jahre alt gewesen sein, aber trotzdem kam es mir vor als ob ich in einen Spiegel schauen würde. Sie hatte die gleichen Augen, eine ähnliche Nase und die gleiche Mimik. Auf dem Bild lächelt sie leicht und ihre Augen funkelten so spöttisch, wie ich es von meinem Opa kenne, und so fragte ich meine Oma, ob sie denn oft gelacht hätte. Meine Oma wollte wohl nichts böses über ihre Schwiegermutter sagen, aber ihr Blick und das „sie war eine graisliche Frau“ verriet doch genug.
Mittlerweile glaube ich, dass mein Opa in mir (und meinem kleinen Cousin) sich entdeckte. Vielleicht auch seine Mutter, aber auf jeden Fall seine Gene, und deswegen so streng zu uns war. Ich weiß nicht, ob er nur unser Bestes wollte und uns deswegen forderte oder ob er den Anblick nicht ertragen konnte und er eher unterbewusst „bäis“ war. Auch wenn ich oft weinte und mich ungerecht behandelt fühlte, mochte ich meinen Opa sehr.

Nachdem er starb fing meine Oma an den Kleiderschrank aufzuräumen und seine Sachen an die Männer in der Familie zu verteilen. Sie erwähnte ein paar mal die Hüte und dass die keiner der Männer haben wollte. Ich bat sie sehr oft, mir die Hüte zu zeigen, aber sie wollte es nicht. „Die passen da ned und des san Mannerhiat.“ Das mir das egal war, war ihr egal. Und so schmiss sie die meisten Hüte weg. Heute holte ich sie auf dem Weg zum Friedhof ab. Weil sie noch nicht fertig war, stand ich in der Sonne und wartete. Ich hatte meinen bordeaux-farbenen Filzhut auf. Anscheinend hatte sie mich vom Fenster aus gesehen, denn als sie herunter kam, meinte sie, dass sie für einen kurzen Moment dachte, da würde die Novna stehen. (Ich muss mal genauer nachfragen, woher „Novna“ kommt, ich dachte immer es sei tschechisch für Oma, aber meiner Recherchen haben eben keinen Sinn ergeben.) Als wir nach dem Friedhof beim Kaffeetrinken saßen, fragte ich meine Oma also nochmal nach den Hüten. Sie meinte, dass sie noch drei hätte und brachte sie mir. Und oh Wunder, alle passten. Ich habe halt doch den gleichen Dickkopf wie mein Opa. Ich musste mit meinem Onkel sprechen, ob er sie nicht habe wolle (HALLO?! ER HÄTTE ZWEI JAHRE LANG ZEIT GEHABT!) und durfte sie dann haben (SONST HÄTTE ES AUCH ÄRGER GEGEBEN!).
Als ich ging, meinte sie, dass ich die Hüte auf keinen Fall verschenken durfte. Manchmal frage ich mich wirklich.. ich kämpfe doch nicht Jahre lang um etwas, das ich dann sofort verschenke. Ich glaub, sie weiß gar nicht wie viel mir diese Hüte bedeuten. Ich kann momentan nicht einmal richtig tippen, weil ich alles nur verschwommen sehe, weil meine Tränen nicht mehr aufhören wollen zu fließen.

Eins der ersten Fotos, dass es von mir und meinem Opa gibt und wahrscheinlich das erste, an dass ich mich erinnern kann, zeigt meinen Opa bei uns auf der Kachelofenbank sitzen und mich auf seinem Schoß, nur sieht man nicht viel von mir, weil auf meinem Kopf sein Hut thront.

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